usaNoch mal mit Gefühl

Bushs zweite Amtszeit: Nach vier Horror-Jahren probt Amerika ein neues Duett mit Europa

Am heutigen Donnerstag darf George W. Bush noch tanzen – auf 14 Inaugurations-Bällen, die meist im Charme einer überfüllten Bahnhofshalle erglänzen. Am Montag aber beginnt wieder der Ernst im Leben der »Hypermacht«. Lang ist die Liste, die der altneue Präsident in den nächsten vier Jahren abarbeiten muss. Zu Hause: eine Wirtschaft, die zwar doppelt so schnell wächst wie die deutsche, aber von Inflation gepeinigt wird (3,5 Prozent). Die Defizite in Handel und Haushalt wachsen weiter – im Vergleich zu Bush war Reagan ein fiskalischer Zuchtmeister. Bush wird die Steuern, die Zentralbank die Zinsen hochfahren müssen.

Im Äußeren hat sich der schnelle Sieg im Irak als Vorstufe eines neuen Krieges entpuppt. Iran baut weiter an seinen Atomwaffen – wie schon zu Schahs Zeiten. Putins Russland versucht, den alten Großmachtstatus aufzufrischen. China arbeitet leise, aber zielstrebig an einer künftigen Weltmachtrolle. Japan macht es noch leiser, aber inzwischen ist seine Kriegsflotte die drittgrößte der Welt. Bushs Verhältnis zu Berlin und Paris bleibt gestört: Die beiden konterkarieren Washington öfter, als sie mit ihm kooperieren. Schließlich der leidige Nahe Osten, an dem sich zuletzt Bill Clinton in Camp David die Finger verbrannt hatte.

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Nun zur Habenseite. Amerika ist und bleibt die Nummer eins; wenn’s brenzlig wird, geht nichts ohne Mr Big. Der Dollar wackelt, aber er stürzt nicht ab, weil es sonst vorbei wäre mit den Handelsüberschüssen der Chinesen und Japaner, mit dem zarten Aufschwung in Europa. Also stützen sie den Dollar, statt ihn abzustoßen. Erstaunliches tut sich in Nahost: Eine freie Wahl in Gaza und im Westjordanland lässt Arafats Despotismus verblassen; von Kuwait bis Qatar proben die Potentaten die Demokratie. Daheim hat Bush neun Millionen mehr Stimmen als im Wahlgang 2000 eingesammelt; zum ersten Mal seit Franklin Roosevelt geht hier ein Präsident in die zweite Amtszeit, der in beiden Häusern des Kongresses die Mehrheit hinter sich hat.

Wie soll es Europa mit diesem Präsidenten halten, dem Gerhard Schröder und Jacques Chirac 2002 die Gefolgschaft aufgekündigt, den die Demonstranten 2002 und 2003 als zweiten Hitler verteufelt hatten? Zuerst die schlechte Nachricht: Mit der Freundschaft ist es einstweilen vorbei, und dieses Fazit hat nicht bloß persönliche, sondern vor allem strukturelle Gründe. Nach dem Exitus der Sowjetunion brauchen die Europäer den strategischen Schutz der Amerikaner nicht mehr; umgekehrt ist für die USA der Wert des strategischen Glacis Westeuropa weggeschmolzen. Im Wahlkampf 2002 hätte Schröder gewiss nicht mit antiamerikanischen Gefühlen hantiert, wenn noch sowjetische Divisionen vor den Toren Hamburgs gestanden hätten. Ebenso wenig hätte ein Don Rumsfeld die Europäer mit seinen Sprüchen provoziert. Und noch weniger hätte Bush den zweiten Irak-Krieg im Hinterhof einer intakten Sowjetunion angezettelt.

Die bessere Nachricht? Europa und Amerika haben die Grenzen ihrer Macht erfahren. Die Europäer können Amerika genieren, aber nicht blockieren. Bush hat gelernt, dass Amerika den Krieg allein gewinnen kann, nicht aber den Frieden. Und so hält er plötzlich die UN wieder in Ehren; auf der Europareise im Februar wird er Brüssel und Berlin die Reverenz erweisen. Seine Außenministerin Rice gelobt vor dem Senatsausschuss eine »Konversation mit dem Rest der Welt, keinen Monolog«. Selbst Michel Barnier, der Pariser Kollege, bemüht sich im Interview, die aufgestellten Borsten der Amerikaner zu glätten.

Doch schon droht ein neuer Testfall in Iran, wo US-Kräfte Ziele für einen Luftschlag gegen Atomanlagen auskundschaften, derweil die Europäer heftig protestieren. Stellen wir uns vor, die Friedensmacht und die Kriegsmacht hätten eine gemeinsame Dramaturgie eingefädelt – hier der »gute«, dort der »böse Bulle«. Dann würde Teheran etwas ernsthafter mit der EU verhandeln, der amerikanische Druck der Diplomatie just das Gewicht verschaffen, das Europa allein nicht hat. Unter dem Glacéhandschuh muss manchmal die gepanzerte Faust stecken – das ist die älteste Regel der Verhandlungskunst, die ihre Ziele erreichen, aber Gewalt vermeiden will. Derlei Zusammenspiel aber erfordert den kalten realpolitischen Blick, der Demokratien nur selten gegeben ist.

Überhaupt könnten EU und USA viel mehr erreichen, wenn sie mit ihren gewaltigen Kräften weniger Reibungshitze und mehr Energie erzeugten. Vorzüglich funktioniert das in der Terrorabwehr, wo Berlin und Paris geräuschlos mit Washington zusammenarbeiten. Es beginnt auch wieder in der Weltwirtschaft zu funktionieren, wo Bush, ganz der Multilateralist, auf die WTO hört und Stahlzölle abbaut. Der Subventionsstreit bei Boeing und Airbus wird dem Regelwerk des Freihandels unterworfen. Ermutigend ist auch das Tempo, mit dem die USA ihre Fluthilfe unter das Dach der UN verlegt haben. Globale Krisen erfordern globale Instrumente, das ist die Lektion.

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