Inferno und BefreiungAuschwitz im Harz

Als die Rote Armee Auschwitz erreicht, sind die meisten Häftlinge schon "evakuiert" – weiterverschleppt in andere Lager. Vor allem Mittelbau-Dora bei Nordhausen wird für viele zur zweiten Hölle von Jens-Christian Wagner

Ein sonderbares Datum, dieser 27. Januar. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog ist es gewesen, der ihn 1996 zum landesweiten Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus proklamiert hat – der Tag, an dem 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz südöstlich von Kattowitz durch die Roten Armee befreit worden war.

Der Name des KZs steht seit dem großen Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 nicht nur für den Mord an den europäischen Juden, sondern für die NS-Verbrechen schlechthin. Weit über eine Million Menschen aus Deutschland und allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas starben hier in den Gaskammern, durch Zwangsarbeit oder wurden auf andere Weise umgebracht: Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und viele andere Häftlinge.

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Doch war der 27. Januar 1945 wirklich der Tag der Befreiung? Zwar hatte der zügige Vormarsch der Roten Armee das Morden im Auschwitzer Lagerkomplex beendet, befreien aber konnten die sowjetischen Soldaten nur noch wenig mehr als 8.000 Menschen. Die anderen Häftlinge waren kurz zuvor auf Transporte und Todesmärsche in Richtung Westen geschickt worden. Sie blieben in der Hand ihrer Peiniger.

Das Quälen und Morden fand jetzt nicht mehr in der Ferne, "im Osten", statt, sondern mitten im Herzen jenes Landes, von dem der Terror und das Verbrechen 1933 ihren Ausgang genommen hatten. Die Tat kehrte dorthin zurück, woher sie gekommen war: in das Zentrum der deutschen Gesellschaft.

Die Räumung des Lagers hatte sich in zwei Etappen vollzogen. Über 60.000 Häftlinge waren bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 als Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie ins Reich deportiert worden, die meisten von ihnen nach Buchenwald bei Weimar, Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz und Mittelbau-Dora bei Nordhausen am Harz. Zwischen dem 17. und dem 21. Januar 1945 folgte die zweite Welle der "Evakuierung", wie die SS die Räumungstransporte und Todesmärsche nannte. 58.000 Häftlinge trieb man in aller Hast zu Fuß über die Straßen, bei Eis und Schnee, ohne Proviant und meist ohne Pausen. Wer nicht mithalten konnte, wurde von den Wachen erschossen. An den Morden beteiligten sich bisweilen auch Teile der ortsansässigen deutschen Bevölkerung, die sich auf der Flucht befand.

Wahrscheinlich starb jeder Vierte, der von der SS zum Abmarsch gezwungen worden war. Ein Teil der Häftlinge wurde im Verlauf der "Evakuierung" in Viehwaggons verladen und ins Reichsinnere verbracht. Andere mussten sich zu Fuß bis nach Niederschlesien in das KZ Groß-Rosen schleppen.

Doch angesichts der herannahenden sowjetischen Truppen wurde auch dieses Lager kurz darauf geräumt; die SS transportierte die Insassen in Waggons Richtung Westen. Die meisten von ihnen, darunter auch viele der erst kurz zuvor aus Auschwitz Deportierten, gelangten nun ebenfalls nach Buchenwald und Flossenbürg, vor allem aber in das KZ Mittelbau-Dora.

Das Lager Dora war erst im Spätsommer 1943 gegründet worden, zunächst als Außenlager des KZs Buchenwald. Bekannt geworden ist es vor allem durch die Produktion der so genannten Vergeltungswaffen, der Flügelbomben und Raketen V1 und V2, die von Häftlingen in unterirdischen Anlagen montiert wurden. Im Oktober 1944 zum selbstständigen Konzentrationslager Mittelbau erhoben, bestand der Komplex im Frühjahr 1945 aus einem dichten Netz von rund vierzig Einzellagern, das sich über den gesamten Harz erstreckte.

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