Das Adlon, für Günter Behnisch der blanke Schrecken. So bullig und ewigkeitsschwer, so bieder verlogen. Und ausgerechnet neben dem musste er nun bauen. Etwas, das angepasst sein sollte, den Berliner Bauregeln gehorsam. Unmöglich, da würde er nicht mitmachen. Er wollte nicht versteinern. Sein Haus sollte für den Augenblick sein, leicht und durchscheinend, beschwingt wie das Olympiastadion in München oder sein Plenarsaal in Bonn. Das war keine Frage des Geschmacks, sondern der Aufrichtigkeit. Im pseudohistorischen Adlon sah er und sahen seine Kollegen Werner Durth und Franz Harder erste Zeichen einer Gesellschaft, die ihre Geschichte vergisst oder nostalgisch verbrämt. Dagegen hieß es aufbegehren, und ihr Bauherr, die Akademie der Künste, begehrte mit. Zwei Jahre kämpften sie, am Ende konnten sie sich durchsetzen, selbst gegen den Senator. Und doch wirkt ihr Sieg heute, an einem lichten Tag im Januar, eher wie eine Niederlage.

Nicht offen, nicht einladend, sondern grau und unnahbar ist dieses Haus geworden. Das Glas weist die Blicke ab, schlimmer noch, es spiegelt. Es spiegelt das Hotel Adlon und verlängert das pompöse Stuckschauspiel ins Endlose. Behnischs glatte Fassade, nur mit ein paar schäbigen Röhren verziert, bekommt unfreiwillig Tiefe und Witz. Da durchdringen sich zwei, die eigentlich streng um Abstand bemüht sind.

Dafür nunder jahrelange Streit? Hatte er die Architekten am Ende so zermürbt, dass ihnen nichts mehr einfiel? Einzig das Flachdach aus Glas, das ganz oben hervorlugt, gibt sich verspielt, dies aber auf krampfige Weise. Lauter riesige, aufgedruckte Herbstblätter leuchten vom Dach herab, rot und gelb vor blauem Himmel, und das wirkt ungefähr so originell wie ein mausgrauer Biedermann mit englischem Blümchenhut.

Erst wenn es dämmert, beginnt das Haus seine Versprechen einzulösen. Freundlich leuchtend, wird es zur Verlockung, zieht die Menschen hinein, zu den Gesprächen, Konzerten, Ausstellungen. Eine erste wird bereits an diesem Freitag gezeigt, aus Anlass eines großen Empfangs, und damit beginnt dann ein gewaltiger Eröffnungsmarathon, der über viele Lesungen, Künstlerspiele, Diskussionsrunden führt, bis schließlich Ende Mai die finale Einweihung anhebt. Vier Monate feiern – und immer wieder wird das Haus die Menschen überraschen. Denn was von außen so verquält anmutet, entwickelt im Inneren ein derart fulminantes Eigenleben, dass sich am Ende die Akademie verändern dürfte, ob sie will oder nicht.

Bislang lebte sie ganz im Beschaulichen, im Grün des Tiergartens, gut verborgen in einem flachen Fuchsbau aus Kupfer und Backstein. Nun aber, am Pariser Platz, trifft sie auf ungewohnte Offenheit und auf ihre eigene Geschichte. Schon einmal hatte sie hier ihr Haus, von 1907 bis 1937, es war eine ruhmreiche Zeit, vor allem unter dem Präsidenten Max Liebermann. Und eine schändliche Zeit, als 1933 Käthe Kollwitz und Heinrich Mann von den Nazis zum Austritt gezwungen wurden und nur ein Mitglied protestierte, indem er ebenfalls austrat. Dann requirierte Albert Speer das Gebäude, um dort seine wahnwitzigen Germania-Träume aufzubauen, und Hitler schaute oft vorbei. Nach dem Krieg war alles zertrümmert, einzig die Ausstellungshallen von 1906 überlebten, wurden in der DDR zu Künstlerateliers und zu Büros für Grenzsoldaten – ein letzter Zahn Erinnerung neben dem Brandenburger Tor.

Behnischs Akademie reagiert auf die wechselvolle Geschichte, sie wirkt wie eine Antwort, vor allem auf Speer und seinen Drang zum Ewigen. Der Neubau lässt die alten Hallen stehen, gemeindet sie nicht ein, macht sie auch nicht zum Fetisch, sondern umspielt sie mit einer Architektur, der nichts gehorcht, die frei ist von allen Dogmen. Das beginnt schon am Eingang, wo der Boden sich aufwirft zu einer Welle, die alle Besucher ins Gleiten bringt. Verblüfft sehen sie vor sich ein mächtiges Haus im Haus mit drei Toren, den alten Kaisersaal. Daneben eine schwungvolle Treppe, auch eine Brücke, die in weite Tiefen führt. Wohin denn nun? Vielleicht einfach ein paar Schritte weiter, die Welle hinauf. Doch da bricht die geordnete Welt vollends zusammen. Ein Formensturm erhebt sich über den Köpfen, Wände stürzen, Geschosse verspringen, Stege schlagen kreuz und quer. Piranesi-Wirrwarr.

Eigentlich hat Behnisch ja nur ein neues Vorder- und Rückhaus errichtet, hat die alten Hallen penibel renoviert, westlich davon lauter Büros aufgereiht und östlich eine Passage eröffnet, einen öffentlichen Weg vom Holocaust-Mahnmal zum Pariser Platz. Doch verschränkt er alles so geschickt, dass der kleine Bau eine ungeheure Fülle bietet. Er verleitet zum Wandern und Schauen – und das darf man durchaus programmatisch verstehen. Behnisch zeigt die Akademie als einen Ort, an dem sich vermeintliche Klarheit verwirrt. Der Bewegung fordert und Perspektivwechsel. Der die hohe Kunst des Umwegs lehrt und vormacht, wie man den Schritt wechselt, das Schwere wegspiegelt, wie man unverhoffte Brücken baut.