Was mache ich hier eigentlich?", fragt sich Ernst Michel, als er kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring gegenübersteht – in einer Nürnberger Gefängniszelle. Göring reicht ihm die Hand zum Gruß. Sollte er, Ernst Michel, sie ergreifen?

Es war im Frühjahr 1946, der Jude Ernst Michel ist Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen. Der Angeklagte Göring will ihn kennen lernen. Der Reporter Michel entscheidet, Görings Wunsch nachzukommen. Doch in den Sekunden, in denen er vor Göring steht, dem NS-Kriegsverbrecher, den er von der Pressetribüne aus wochenlang beobachtet hatte, ist Michel kein Reporter mehr. Da ist er wieder der Auschwitz-Überlebende Ernst Michel, 22 Jahre alt. Er merkt, dass er nicht mehr klar denken kann.

Fast sechzig Jahre später ist derselbe Mann heute in New York anzutreffen, mitten in Manhattan nahe dem Central Park South, in einem geräumigen Büro. Er ist ein kleiner, agiler Mensch, hellwach. Er ist 81 Jahre alt und Executive Vice President Emeritus einer der größten jüdischen Spendensammelorganisationen der Welt. Er hat seinem Vornamen ein "e" hinzugefügt und heißt nun Ernest W. Michel. Und er ist ein bisschen nervös, weil eben ein beunruhigender Anruf kam. Eine Verwandte liege im Sterben, er muss nach ihr schauen. Und doch will er dieses Gespräch führen. Er hat noch eine Mission zu erfüllen, noch diese eine. Er weiß, er gehört zu den Letzten, die das können. Es ist nicht Auschwitz, über das er reden will, er spricht nicht gern darüber. Es ist Nürnberg, von dem er schwärmt als für ihn "wichtigstes Ereignis des 20.Jahrhunderts". Nürnberg, Taufpate der Vereinten Nationen, und was daraus folgen müsste. Ernest W. Michel träumt von einem Weltgericht. Er will die Amerikaner davon überzeugen, aber nicht nur die. Davon, dass Nürnberg das erste Aufflackern eines internationalen Weltgewissens bedeutete, den Beginn einer neuen Ära, die doch jetzt nicht schon wieder zu Ende sein kann, jetzt, da die amerikanische Regierung in Guantánamo Bay ihr eigenes Recht anwendet und da sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Immunität für ihre Soldaten verlangt. Ausgerechnet die Vereinigten Staaten, das Land, das Ernest W. Michel Abstand gewinnen ließ zum Holocaust.

Warum akzeptieren die USA ihre eigenen Maßstäbe nicht mehr?

Es dauert nicht lange an diesem Tag in New York, bis Michel seinen linken Ärmel hochzieht und den Blick frei macht auf eine Nummer am Unterarm: 104995. Wie oft hat er den Ärmel schon hochgezogen in seinem neuen Leben in Amerika? Wie oft hat er dann diese Worte gesagt mit ruhiger, weicher Stimme: "Wie Sie sehen, habe ich die Auschwitz-Nummer auf meinem Arm. Ich trage sie sehr stolz." Es ist der einzige Satz, in dem das Wort Auschwitz vorkommt in Michels zehn Minuten langer Geschichte, die mit seiner Kindheit in Mannheim beginnt, seine Flucht beim Todesmarsch 1945 nach fünfeinhalb Jahren in verschiedenen Lagern erzählt und bei den Nürnberger Prozessen endet, von denen er als Reporter berichtete. Und wo er schließlich den Angeklagten Göring sprechen sollte.

Ernest W. Michel, der damals als "Sonderberichterstatter Ernst Michel, Häftling Nummer 104995" in seiner Muttersprache Deutsch berichtete, spricht heute nur noch Englisch. Er entschuldigt sich dafür, er sagt, ihm fielen zu viele deutsche Wörter nicht mehr ein. Das Englisch, das er spricht, hört sich dennoch sehr deutsch an, er hat diese die Worte breit kauende amerikanische Aussprache nie angenommen. Deshalb fällt es fast nicht auf, dass er doch zweimal etwas auf Deutsch sagt, mittendrin, wenn er über die Vergangenheit spricht:

"Ernst, du bist ein Berichterstatter."

"Die anderen sind schon auf im Kamin."