Und die Frauen? "Er kümmerte sich nur noch um seine Musik. Er dachte an nichts anderes. Die Schönheit einer Frau ließ ihn kalt, denn er war schon von der Schönheit der Musik verführt", krächzte der ladies’ man Miles Davis heiser und kopfschüttelnd und doch mit jenem bewundernden Unterton, der in allen Äußerungen mitklingt, die den Saxofonisten John Coltrane beschreiben. "Gute Geschichten" gibt es kaum über den Vollender des Jazz zu erzählen, im Gegensatz zu den Skandalen Charlie Parkers, dem Begründer des modernen Jazz, ewiger Traum des Boulevards, voll Sex und Drogen. Obwohl auch John Coltrane lange an der Nadel hing, das Heroin mit Alkohol bekämpfte und – bis 1957 – beidem treu blieb, umwehte seine Sucht nie der Hauch von Exzess. Vielmehr wirkte sie tragisch, eine notwendige Sünde, um die künftige Läuterung vorzubereiten.

Wie also soll einer schreiben über einen Künstler, den jener Ernst umgibt, den man oft mit Humorlosigkeit verwechselt, der zum Inbegriff einer Spiritualität wurde, die in der höchsten Liebe ihren Ausdruck fand – in A Love Supreme, wie John Coltrane sein legendäres Album 1965 nannte? "Wie Bach und Mozart erhob Coltrane Musik aus dem säkularen in den Bereich ernster, religiöser Weltmusik", zitiert der amerikanische Autor Ashley Kahn den Saxofonisten Archie Shepp. Kahn spaltet sich in seinem Buch in drei Personen: den musikalischen Verehrer, den Reporter der religiösen Unter- und Obertöne und den bienenfleißigen Sammler aller auffindbaren biografischen Krumen. Ein umso schwierigeres Unterfangen, da es nur um eine einzige Schallplatte geht, ein Werk von 33 Minuten Dauer, das am 9. Dezember 1964 zwischen 20 Uhr und Mitternacht aufgenommen wurde und zur Essenz des 20. Jahrhunderts zählt. Vergleichbar nur jener Jazzplatte, der Ashley Kahn sein vorangehendes Buch widmete: Kind Of Blue, eine Schöpfung des Miles Davis Sextetts, zu dem auch John Coltrane zählte.

Ein Gongschlag wie Donner, der hier dem Blitz vorausgeht, reißt für A Love Supreme den Himmel auf, und unmittelbar setzt das nasale Tenorsaxofon ein, als Fanfare über Klavierakkorden und den Becken des Schlagzeugs, die wie prasselnder Regen überleiten zu vier Tönen, vom Bass gezupft, vier Tönen, die zur mitsingbaren Losung werden – da da – dieh – da – a – love – su – preme. Es ist ein Bluesmotiv, ein Riff, das Acknowledgement, den ersten Teil der Love Supreme- Suite, zum Synonym fürs Ganze macht. John Coltrane wechselt die Tonart, setzt noch einmal an und führt die "Anerkennung" in Gefilde zwischen sanfter Poesie und intensiver Feierlichkeit. In allen möglichen Tonarten variiert er fünf Minuten lang über dem Ostinato des Basses, bis er das Saxofon absetzt und die Musik Wort wird. A love supreme, singt er mit tiefer Stimme, a love supreme, a love supreme , zwanzigfaches Mantra eines Geretteten, der zum Künder wird.

Nichts konnte 1965 überraschender kommen als das Bekenntnis zu jenem Schöpfer, der ihn 1957 gerettet hatte. Modern Jazz, das bedeutete – nach der Hektik des Bebop und den Sonnenbrillen des Cool Jazz – die klassische Avantgarde eines Cecil Taylor, die fröhliche Freiheit eines Ornette Coleman, das arrogante Feuer eines Miles Davis oder die politische Aggression eines Charles Mingus, aber nie die religiöse Offenbarung einer höheren, allumfassenden Liebe. "Thank you God", schrieb Coltrane in seinem Gedicht, das in die aufklappbare Innenseite der Plattenhülle gedruckt war, einem Psalm. Doch es war nicht nur der Gott des Christentums in dieser Mischung aus östlichen Weisheiten, Bibelzitaten und Anrufungen, es war der Lobpreis der Liebe, im Tonfall des Predigers, dem die Wirkung auf den Menschen wichtiger ist als das Abstraktum im Himmel, "thank you God".

Sommer 1964 – als die USA noch einmal Hoffnung schöpften

Ashley Kahn breitet das Szenario aus, in das A Love Supreme eintrat, Bob Dylan behauptet The Times They Are A-Changing, Sam Cooke singt Change Is Gonna Come, im Juli wird das Bürgerrechtsgesetz von Lyndon B. Johnson unterzeichnet, im Oktober erhält Martin Luther King den Friedensnobelpreis, Cassius Clay wird Boxweltmeister, und Vietnam ist im Bewusstsein Amerikas noch ein kleiner Unruheherd in Südostasien. Als schöpften die USA noch einmal Hoffnung nach der Ermordung Kennedys, als atme die Welt auf, bevor Wut und Enttäuschung über die zerstörten Hoffnungen hereinbrechen. In diesem Sommer 1964 wird auch John Coltranes Sohn John junior geboren, von seiner zweiten Frau, der Pianistin Alice, und er unterbricht für eine Woche den nicht enden wollenden Strom von Aufnahmen, Tourneen, manischem Üben Tag und Nacht. Seine erste Frau Naima meinte in diesen Jahren einmal, ihr Mann sei "neunzig Prozent Saxofon". Er hatte sich nach seinem Drogenentzug wie ein Besessener in die Musik gestürzt, als ahnte er, dass ihm als 30-Jährigem nur noch zehn Jahre blieben, die verlorene Zeit nachzuholen. Nun findet er Ruhe, zieht sich ins oberste Stockwerk seines Hauses im New Yorker Stadtteil Long Island zurück, schreibt vier, fünf Tage an einer Suite, die drei Monate später zu Love Supreme wird. Ein unbekanntes Foto in Ashley Kahns Buch zeigt John Coltrane, stolz mit dem Baby auf dem Arm, lächelnd, das Familienalbum als Grundlage musikalischer Analyse.

Als gäbe es jenen Moment, in dem sich die Avantgarde ein letztes Mal im Gewand der Tradition zeigt, die Energie sich in Spiritualität verwandelt und die Suche nach dem eigenen Ton seine Form und Hülle findet. Es war jenes Quartett aus dem energiegeladenen Schlagzeuger Elvin Jones, dem treibenden Bassisten Jimmy Garrison und dem rhapsodisch verdichtenden Pianisten McCoy Tyner, dasseit 1962 dem harmonisch ausufernden Saxofonisten eine Heimat gab. Die Beatles, das Miles Davis Quintet, das La Salle Quartett, die John Ford Stock Company mögen vergleichbare Jahrhundertformationen gewesen sein. Coltranes im Sommer 1964 veröffentlichte Platte Crescent hörten viele als säkularisierten Vorläufer zu A Love Supreme, und doch waren es dort einzelne Kompositionen, sie hatten nicht den Atem der vierteiligen Suite. Acknowledgement – Resolution – Pursuance – Psalm nannte Coltrane die Sätze (Anerkennung, Entschlossenheit, Streben und Psalm), sie klangen wie die Verkündigung eines Heilsplans, ein steter Wechsel von Spannung und Entspannung – Verinnerlichung und Entäußerung waren im Gleichgewicht. "Musik ist eine Widerspiegelung des Universums, als wäre es eine Miniatur des Lebens", sagte Coltrane Jahre zuvor. "Du nimmst eine Situation aus deinem Leben oder ein Gefühl, das du kennst, und fasst es in Musik."

Diese Musik glaubt an die Seele, das Recht, die Freiheit