»Der Schmerz geht, aber der Film bleibt«
Von der Eiswasserleiche in »Titanic« zum Hollywood-Tycoon in Scorseses »Aviator« – eine Begegnung mit Leonardo DiCaprio
W er Leonardo DiCaprio in einem Hotel begegnet, muss unweigerlich an seine wunderbare Selbstsatire bei Woody Allen denken. Kaum in seiner Zimmerflucht angekommen, zieht sich Leo in erst mal ein, zwei Linien Koks rein, um nach ein paar großkotzigen Sprüchen mit seinen Groupies eine bedröhnte Kissenschlacht zu beginnen.
In der Suite des Berliner Ritz-Carlton hingegen geht alles sehr gesittet zu. DiCaprio trinkt Tee, gibt sich wohlerzogen und kein bisschen egomanisch. Er verströmt den Vanilleduft eines Frischgebadeten, und seine Nägel sind so perfekt manikürt, dass man die eigenen Hände lieber unter dem Tisch verbergen möchte. »Manchmal«, sagt er und klingt dabei wie ein College-Veteran, der sich an seine Jugendsünden erinnert, »kommt mir das alles vor, als gehöre es zu einem anderen Leben.«
»Das« war die Zeit nach Titanic. Damals, Ende der Neunziger, als sich die weltweite Leomania in hysterische Höhen schraubte. Als am roten Teppich der Berlinale zweitausend Teenies stundenlang enthemmt seinen Namen schrien, wildfremde Mädchen an Flughäfen seine Oberschenkel umklammerten und New Yorker Starautoren Artikel über den Inhalt seines Einkaufswagens schrieben. »Keiner, wirklich keiner konnte das kontrollieren«, sagt er fast ein bisschen entschuldigend.
Mit James Camerons Titanic wurde Leonardo Wilhelm DiCaprio zu Leonardo, dem globalisierten Mädchentraum und umschwärmtesten Leinwandliebhaber des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die blonden Haare im Wind, fuhr er an der Spitze des Ozendampfers ins Pantheon des Pop ein: »I’m the king of the world!«
Die Jahre der großen Hysterie mögen vorbei sein, dennoch gleicht ein Treffen mit DiCaprio einem kleinen Staatsakt. Ein halbes Stockwerk des Hotels ist abgesperrt, vor den Türen inhalieren die Bodyguards fast anrührend die Weltwichtigkeit ihres Überwachungsobjekts. Während des ganzen Gesprächs bleibt die Tür angelehnt, damit der amerikanische Agent mithören kann. Manchmal dringt durch den Spalt sein leises Räuspern.
Natürlich fordert der seltsame Lauschangriff ungehörige Gedanken geradezu heraus. Unwillkürlich malt man sich aus, was wohl geschähe, wenn man DiCaprio schmutzige Fragen stellte oder zwischendurch kurz an seinem Hosenbein zöge.
Die Gedanken verfliegen, sobald er von Martin Scorsese zu sprechen beginnt. Er redet ernst, konzentriert, räuspert sich in einem fort. Obwohl die beiden seit den Dreharbeiten von Gangs of New York eine Art künstlerische Symbiose entwickelten, bleibt Scorsese der Gott und Übervater, ein wahr gewordener Jugendtraum. DiCaprio erzählt, dass er als Achtzehnjähriger zu einem Agenten gewechselt habe, nur weil der behauptet hatte, er kenne Leute, die Scorsese kennen. »Was De Niro und Scorsese in den Siebzigern gemacht haben«, sagt er feierlich, »das ist für mich auf ewig das Goldene Zeitalter des Kinos.«
- Datum 20.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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