Stillleben mit Buch: Autor der Einsamkeit
Jean Paul: "Lebenserschreibung"
Lebenserschreibung – was für ein sonderbares Wort: wie sich etwa einer eine Stellung im Leben erarbeitet, schreibend, und sich insofern sein Leben erschreibt, das kann man sich noch vorstellen. Aber nun schlimmer: Wie andere, wenn sie’s gelebt haben, ihr Leben beschreiben, so soll hier nun einer (ganz abgesehen davon, wie er es gefristet hat) sich sein Leben erschreiben – also eigentlich gar nicht unbedingt erst hinterher, am Ende, sondern eigentlich ja vorher, fast wie einen Plan, aber wie einen Plan dann, der schon an Stelle der Ausführung des Plans steht, sodass das wirklich gelebte Leben nur ein sozusagen nebenherlaufendes Leben wäre, unwichtig und keines Aufschreibens wert neben dem schon erschriebenen Leben.
Ungefähr so sei das bei Jean Paul gewesen, das ist die These dieses ebenso schönen wie erschreckenden Buchs. Dass Jean Paul (er war gute drei Jahre jünger als Schiller) ein bisschen verrückt war oder jedenfalls aus dem üblichen Rahmen fiel, das war schon damals klar, als er urplötzlich aus der hintersten Provinz auftauchte, die lesenden Damen nicht nur mit seinen Romanen entzückte und sie eben doch nur abspeiste und in Weimar Schiller und Goethe ziemlich nervös machte, wenn er ihnen erklärte, was das denn solle mit Musen und Inspiration fürs Dichten, es komme doch bloß darauf an, ordentlich Kaffee zu trinken, und dann wieder für immer verschwand in die Provinz – dass er also ein bisschen verrückt war, das war schon damals klar, aber wie verrückt er wirklich war, das lässt sich wirklich erst allmählich ermessen.
Man kennt zwar schon länger seine zu Lebzeiten nicht veröffentlichten einschlägigen aufs eigene Leben sich beziehenden Schriften, aber erst seit einigen Jahren wird Band für Band ein ungeheurer Nachlass publiziert, bestehend aus verschiedenerlei Heften, die Jean Paul sein Leben lang geführt und mit allem gefüllt hat, wovon Kopf und Seele voll waren. Besonders eindrucksvoll ist hier das so genannte Vita-Buch, in das er etwa 1817 notiert: »Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher.« Und ein Jahr später, und das klingt dann doch weit weniger leichthin gesagt: »Zuweilen fährts wol als ein Grimm in mich, was ich hätte genießen können – was kein Gott und keine Göttin mir jetzo ersetzen oder geben kann – wenn ich früher in den Lenznächten nur ein Auge gefunden hätte, das mich liebend angeblickt; denn ich fand keines« – 1816 hatte er notiert: »Ich bin der Autor der Einsamkeit…« Richtig unheimlich wird das alles aber immer da, wo Jean Paul sich nicht bloß in Notizen, sondern wirklich schriftstellernd übers eigene Leben her- und gewissermaßen ernst macht mit dem, was bis dahin bloß so ein Gedanke sein könnte, wie man eben sagt: bloß ein Gedanke. Nämlich da, wo ein anderer, wenn er’s nun beschreibt, gern zurückblickt auf ein irgendwie doch geglücktes oder wenigstens kontinuierlich verflossenes Leben, da weigert sich Jean Paul (als sei, auf was er allenfalls zurückblicken könnte, ein sozusagen vom Tod dauernd zerhacktes götterloses Nichts oder Fastnichts), und statt Vergangenes zu beschreiben, entwirft er Künftiges, und zwar, als gäbe es überhaupt nicht so etwas wie eine Furcht davor, Unheil heraufzubeschwören, indem man allzu genau beschreibt, was man wünscht – er beschreibt eine künftige Frau, das Leben mit ihr, Kindersegen und ein friedliches Leben. Fast könnte das klingen wie ein Roman über erdachte Leute, aber er schreibt über sich selbst – er erschreibt sich.
Alle diese Schriften und Notizen (das Vita-Buch vollständig und eben chronologisch und nicht nach irgendwelchen willkürlichen Stichworten geordnet) und dazu noch Jean Pauls einzigen und dann natürlich abgebrochenen Versuch einer herkömmlichen Autobiografie haben die Herausgeber hier nun zusammengestellt und in einem Anhang von 150 Seiten glänzend und mit ausführlichen weiteren Zitaten kommentiert. – Natürlich ist das Wort verrückt nicht ganz das richtige Wort für Jean Paul; aber lesen Sie jetzt doch einmal seinen Giannozzo .
LebenserschreibungVeröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften; hrsg. v. Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas MeißnerJean PaulBuchCarl Hanser Verlag2004München34,90495



