"Wenn Menschen keine Gedanken mehr auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus."

Schopenhauer, Aphorismen

Süß war das, sich über die einfachen Menschen aufzuregen, und was war die Welt noch in Ordnung, als ich Schopenhauer las, in der DDR, vor hundert Jahren. Und er wie ich noch an die Lernfähigkeit glaubten. Schopenhauer, in seinem gelinden Größenwahn, und ich, in meiner Unbedarftheit, liefen mit Büchern in der Hand durch die Straßen und beklagten die intellektuelle Mattheit der Bevölkerung. Das sind die, die man sieht. In Büros und Supermärkten, in Monteurkleidern und mit Fleischermützen. Heute weiß ich, viel schlimmer als die harmlosen Zerstreuungen der Menschen, die man sieht, ist die geistige Trägheit derer, die man nicht sieht. Weil sie den ganzen Tag arbeiten. Mit Dienstwagen in Tiefgaragen gleiten und diese in der Nacht wieder verlassen, um in ein Gym zu stratzen, um die überflüssige Arbeitskraft und die geistig nicht genutzte Kapazität zu regenerieren. Hurra, wir haben es geschafft. Wir werden vom Mittelmaß regiert. Eine Rotte Dummköpfe, die sich jeden Morgen im Spiegel ansieht, mit farblosen Augen in ein farbloses Antlitz, die Faust ballt und ruft: Ja Welt, heute werde ich dich wieder ein bisschen dümmer machen.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es eine klare Einteilung unserer Welt, es gab Intellektuelle, die wollten die Welt ändern, es gab Künstler, die wollten die Welt ändern, es gab Politiker, die wollten die Welt ändern, und die Bevölkerung, die wollte ein besseres Leben und ab und zu Karten spielen. Waren die mächtigen Patriarchen besser? Keine Ahnung, vermutlich wollten sie einfach nur etwas. Gerade saß Helmut Schmidt bei Mittelmaß Kerner oder Beckmann, die kann ich nie auseinander halten, auf einem Plauderstuhl und hatte, wenn nicht die originellsten Gedanken, die ich in den letzten Jahren hörte, so doch die intelligentesten. Ich meine: Helmut Schmidt! Ich wusste gar nicht, dass der noch lebt! Normalerweise fällt Kerners oder Beckmanns Dummheit nicht besonders auf, im Gespräch mit adäquaten Gegenübern, doch mit Herrn Schmidt war es erschütternd klar, wer in Deutschland für einen guten Talker gehalten wird. Schmidt äußerte, von seinem Gesprächspartner ungemein gelangweilt, einige Sätze zum EU-Beitritt der Türkei, zum Islam, zur Mutlosigkeit der derzeitigen Politik. Mit mehr Substanz als 780 Schröder-Reden. Schade eigentlich. Das Mittelmaß regiert, fährt in Zeitungsredaktionen und stellt den Spiegel her, macht Fernsehprogramme und Radiobeiträge. Es quatscht auf allen Kanälen, in allen Formen. Es steuert Unternehmen in den Bankrott und macht Rentenreformen. Alle Krankheiten haben eine Ursache. Wann fing es an, schief zu laufen in Deutschland? War es die Generation der geförderten 68er-Kinder, die auf einmal mehr wollte, als ihr Verstand zu geben bereit war? War es, weil das Mittelmaß sich nur selber erkennt und Seilschaften bildet, dass sie wie ein Krebsgeschwür wuchern und in falsch verstandenem demokratischem Interesse die Welt nach ihrem Willen zu einem dumpfen Brei formen? Die Invasion der grauen Mäuse. Scheinbar zu unbedeutend, als dass man sie hassen kann. Das macht sie so gefährlich. Das macht sie so in alle Ritzen kriechen und alles ihrer eignen geistigen Größe anpassen. Erlaubt ist, was wir verstehen. Da wird ein Künstler, war es Baselitz oder Lüpertz oder Immendorff?, die kann ich nie auseinander halten, nach kleinbürgerlichen Maßstäben verurteilt, da wird Dummheit in die Köpfe geschmiert und Meinung gemacht. Kaum ein Mensch glaubt den Zeitungen, dem Fernsehen, der Politik, den Wirtschaftsmanagern, den Banken – und doch: Wie weit kann man sich von der Luft distanzieren, die man atmet?

Da federn sie durch die Welt, mit blöden Haarschnitten und blöden Trikotagen, mit Umhängetaschen und einer Meinung zu allem, sie schreiben Bücher und machen Programme, sie halten alle, die nicht Politik machen und Platten und Bücher und Medien, für dumm und lassen ihr Hirn auf Sparflamme laufen. Und das ist, was wirklich Lynchjustiz erlaubt: sich nicht anstrengen. Was waren das für niedliche Zeiten, als das Volk zu Hause saß, einen Korn trank, ein Ferkel aufspießte und Karten spielte. Heute fehlen für Ferkel und Korn das Geld, die Menschen, die man sieht, suhlen sich im mediengemachten Elend, und die, die es besser könnten, die man nicht sieht, spielen leider nicht Karten, sondern gehen mit ihren unnützen Leben in ein Gym, nachdem sie wieder einen Tag damit verbacht haben, die falschen Gedanken zu haben, die falschen Entscheidungen zu teffen und wir, wie lassen es geschehen.