Du erzählst und glaubst selbst nicht, dass dir das passiert ist. Das sind«, schreibt Aharon Appelfeld, »die schlimmsten Gefühle, die ich kenne.« Aharon Appelfeld arbeitet an einem kaum zu bewältigenden Großprojekt. Er sucht nach einer Kindheit, die im Alter von fünf Jahren zu Ende ging.

In Czernowitz, wo er geboren wurde, sprachen seine Eltern, assimilierte Juden, deutsch, seine Großeltern jiddisch, die Amtssprache war Rumänisch, die Umgangssprache Ukrainisch. Als er mit vierzehn Jahren Palästina erreichte, lagen ein Aufenthalt im Ghetto, Vertreibung, Monate in Auschwitz, eine Flucht und eine Wanderung durch Europa unter brutalen Bedingungen hinter ihm. Er hatte, wie sollte er, keine Schule besucht, hebräisch sprach er nicht. Er wurde Schriftsteller aus Verzweiflung. Er war allein, führte Tagebuch, begann Bücher zu schreiben, erfand sich Stellvertreter: den in Czernowitz aufgewachsenen Paul, der im Roman Alles, was ich liebte von den Eltern und allem, was er kannte, getrennt wird, Bruno, der in Z eit der Wunder mit seiner Mutter in einem auf freier Strecke anhaltenden Zug sitzt, weil eine Lautsprecherstimme befiehlt, dass sich alle Ausländer und Nichtchristen registrieren lassen müssen. Oder Tzili, die im gleichnamigen Roman als weibliche Doppelgängerin sehr nah an sein eigenes Leben rückt, Tzili eine KZ-Überlebende, die monatelang durch Europa vagabundiert, um in Italien das Schiff nach Palästina zu erreichen. Alle Romane waren Mutproben der Selbstbehauptung.

Der zweiundsiebzigjährige Schriftsteller erklärt heute, dass er sich eine dem Traum und dem Märchen verwandte Ersatzwelt geschaffen habe, besteht aber gleichzeitig darauf, dass die Wörter nur Tarnung sind und die wahre Sprache das Schweigen ist. Erst jetzt, in der Geschichte eines Lebens, sagt Aharon Appelfeld »ich«. Der Titel besagt aber auch, dass sein Leben »ein« Leben unter anderen Leben ist, vergleichbar mit der Existenz anderer. Die Skepsis über die Einmaligkeit des eigenen Schicksals ist eine soziale Einsicht, sein individuelles Schicksal war ein kollektives Schicksal. Das Ich ist vorsichtig. Es fürchtet sich vor Adjektiven und vermeidet Begriffe wie Horror und Gräuel, auch Schuldzuweisungen werden unterlassen, denn das, findet Appelfeld, sei abgenutztes Material, allseits einsetzbar, ob für den Holocaust oder für Hollywood.

Die Geschichte eines Lebens ist keine Abrechung, schon gar keine schonungslose. Aharon Appelfeld ist ein schüchterner Erzähler, der auch noch nach zwanzig Büchern die versteckten Erinnerungen in sich selbst sucht. Ein plötzliches Ereignis, ein Streit, eine Bahnstation voller Menschen kann jederzeit, weil der »Krieg in allen Gliedern« sitzt, die verdeckten Erinnerungen wecken. Erinnerungen an die frühe Kindheit, behütet von einer liebevollen Mutter, werden in Ausschnitten, wie sie das Gedächtnis liefert, erzählt. Es sind schnelle Einstellungen, die Beschreibung einer Umarmung, eines gedeckten Tisches, einer Stimmung.

Appelfeld rekonstruiert seine Kinderwelt plastisch, beschreibt Empfindungen wie die, »keine Worte für Gott« zu haben, aber Blicke für die »schöne« Mutter, für die Pferde, die wie Holztiere auf dem Landgut des Onkels stehen. Die Zeit im Ghetto erlebt der Junge als Freiraum. Kinder, schreibt Appelfeld, sind im Krieg unbeachtete Wesen, sie sind »das Stroh, auf das man tritt«, aber Erinnerungen haben im »Körper lange Wurzeln«.

Aharon Appelfeld ist umsichtig, mit sich und mit uns. Er berichtet nicht aus der Zeit im »Lager«, er fürchtet sich vor jedem falschen Wort. »Ein tiefes Erlebnis lässt sich leicht verfälschen.« Der Bericht ist deshalb so ergreifend, weil er alles tut, das Ergreifende zu vermeiden, denn das, was er wirklich erlebt hat, klingt wie ein böses Märchen, und wir wissen, wie böse Märchen sind. Niemand weiß, wie das zehnjährige Kind 1942 aus der Hölle von Auschwitz in den Wald gekommen ist. Und dann steht, das gibt es nur im Märchen oder im Traum, mitten im Wald ein Apfelbaum voll roter Äpfel, und das genügt.

Appelfelds Einschätzungen der Möglichkeiten des Menschen, sich zurechtzufinden, sind kühn. Im Wald, schreibt er, stirbt der Mensch nicht an Hunger. Den hereinbrechenden Winter überlebt das Kind in der Hütte der Dorfhure. Maria ist grausam und zugleich barmherzig. Der Mensch kann sehr viel aushalten, wenn er eine Hoffnung hat.

Nach Imre Kertész, Primo Levi, Gustav Herling erzählt hier das sich selbst rettende Kind, das im Glauben an die Liebe der Eltern und der Hoffnung auf das Wiedersehen durchhält. Der lange Weg von der Ukraine nach Italien war gefährlich, die Menschen waren verwahrlost. Sie vergewaltigten Kinder und verkauften sie. An der italienischen Küste warteten in »Befreitenlagern« ehemalige Häftlinge auf die Überfahrt nach Palästina.