Aharon Appelfeld Ich verzweifle, also schreibe ichSeite 2/2
Das Buch ist ein Kampf mit der Erinnerung, die so tut, als hätte ein anderer erlebt, was dem Erzähler selbst widerfahren ist. »Ich sage: ›Ich erinnere mich nicht‹, und das ist wahr.« Die Erinnerungen werden von körperlichen Empfindungen abgelöst, die Kriegsjahre erscheinen wie eine weite Wiese, die in den Himmel übergeht. Die Lehre von der Bedeutung der ersten drei Lebensjahre für die Psyche des Menschen hat in diesem Buch ihren Beleg. Zu viel Reden über Gefühle führe, sagt Appelfeld, in ein »Labyrinth der Sentimentalitäten«, das verachtet er so wie das Moralisieren und die Vielrednerei.
Bleibt die Skepsis, das ideologisch aufgeladene Leben im Nachkriegs-Israel missfällt ihm. Er zieht sich zurück, wird zum Beobachter, der er schon als Kind gewesen ist, und begreift, dass der Mensch, wie Wittgenstein sagt, nur das sehen kann, was er früher schon gesehen hat. Appelfeld, der Zweifler, der nicht an Gott, nur an »abwesende Menschen« glaubt und damit seine Eltern meint, besonders seine Mutter, ist davon überzeugt, dass es Quellen gibt, die tiefer liegen als die Sprache.
Aharon Appelfeld ist ohne Attitüde. Er zweifelt, er ist verzweifelt, er klagt nicht, er sieht die Menschen, wie sie sind, verstanden fühlte er sich wie so viele seiner Generation bei Kafka und in Camus’ Existenzialismus. Seine Sprache ist einfach und eindringlich. Appelfeld will seine Lebensgeschichte nicht in »Kunst« verwandeln. Er stellt sich als eine verschwiegene Person vor, die sich bis ins Alter auf dem elterlichen Gefühlsboden abstützt. Die Geschichte eines Lebens ist unsentimental und erschütternd, aufrichtig wie Moses Aufschrei in Schönbergs Oper Moses und Aron: »Oh Wort, du Wort, das mir fehlt.«
Aharon Appelfeld: Die Geschichte eines Lebens
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer; Rowohlt Berlin, Berlin 2005; 202 S., 17,90 €
- Datum 20.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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