Eichingers Hitler-Film »Der Untergang«

Wütende Ablehnung und…

Was für eine Verdrängung!
Wie könnte ich das Fehlen einer Erzählhaltung anders begründen als mit dem schlimmsten Schnitzer, den dieser Film macht? Während nämlich dauernd Arme und Beine abgesägt werden, während Hunderte von Soldaten abgeschlachtet werden, während sich die Generalität die Kugel gibt und man die Leichen mit den Einschusslöchern herumfallen sieht und ein junger Volksstürmer seine Freundin erschießt und dann sich selbst, während all das ausgiebig gezeigt wird, beweist der Film dann doch zweimal ausgesprochene Pietät. Hitler bittet seinen Adjutanten Wünsche, er möge Benzin besorgen, »damit die Russen meine Leiche nicht zur Schau stellen können«. »Ein schrecklicher Befehl, aber ich will ihn ausführen«, entgegnet der Untergebene. Und was tut der Film? Er führt Hitlers Befehl tatsächlich aus! Alles sieht man in Der Untergang, nur Hitlers Tod nicht! Der Mann gibt sich (und seiner Eva) hinter verschlossener Tür das Gift und die Kugel. So wie Hitler sich abwendet, wenn seine Schäferhündin Blondie stirbt, so wendet sich der Film ab, wenn der Führer stirbt… Warum die plötzliche Prüderie? Warum, verflucht noch mal? Warum nicht zeigen, dass das Schwein endlich tot ist? … Was für ein Verdrängungsvorgang entspinnt sich da vor unseren Augen? Oder kriegen wir diese Szenen später nachgeliefert, als Zusatzmaterial auf der DVD?

Wim Wenders, am 21. Oktober 2004 in der ZEIT


…begeisterte Zustimmung

Ein Meisterwerk!
Eichingers Film Der Untergang ist ein Meisterwerk. Es fällt einem kein anderer Begriff ein. Jawohl, der Film hat Schwächen und sogar Lücken, manche Rollen sind schwach besetzt oder knicken unter der Last des Themas so sehr ein, daß sich die Architektur des Ganzen verändert. Aber Bruno Ganz als Hitler, Corinna Harfouch als Magda Goebbels und Alexandra Maria Lara als Traudl Junge sind die Säulen des Unternehmens. Und halten stand. …

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Bernd Eichinger also hat geschafft, was vor ihm noch keinem gelang: Er hat Hitler ein zweitesmal erfunden. Er hat Hitler damit, so sonderbar es klingt, zum erstenmal kontrollierbar gemacht; zum erstenmal ist es möglich, Hitler in einen Kontext zu stellen, den er uns nicht postum vorschreibt, sei es durch die Wochenschauaufnahmen, die Tischgespräche – oder negativ durch die Abwesenheit jeglicher persönlicher Aufzeichnungen. Das ist an sich schon ein unglaublicher Vorgang. …

Noch bemerkenswerter aber ist, wie Eichinger es gelang, die Erinnerungsliteratur so sehr zu verdichten, daß jede einzelne Millimeter-Sequenz dieses Films, die man aufhebt, um sie näher anzuschauen, so wirkt, als würde sie Tonnen wiegen.

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