neobiota Neubürger Nandu

Die Zahl der Arten in Deutschland steigt, doch wie sollen wir mit den Zu- und Rückwanderern umgehen? Ein zoologischer Streifzug

Gravitätisch schreiten die beiden Nandus über den lehmigen Acker. Mannsgroß sind die südamerikanischen Straußenvögel, hälsewiegend steigen sie aus den Brachwiesen des Wakenitztals langsam den Hügel hinauf. Hinter ihnen schimmert der Ratzeburger See in der Januarsonne. Offenbar suchen die Tiere hier im stillen Mecklenburg nach Frischfutter. Mit schräg gelegtem Kopf beäugen sie die jungen Rapspflänzchen auf dem Acker, und happs!, schon wieder verschwindet ein grünes Blatt im Schnabel. Da sich Rapsöl wachsender Beliebtheit als Biodiesel erfreut, finden die Laufvögel im Mecklenburgischen reichlich Nahrung.

Zwischendurch – im entfernten Dörfchen Utecht heult ein Hund – prüfen sie mit ruckendem Blick das Umfeld auf Störenfriede und putzen dann ihr Gefieder. Weißer Flaum leuchtet unter den graubraunen Flügeln. Plötzlich wird der Bürzel hochgestellt, ein daumendicker Düngerstrahl klatscht auf den Lehm. Und die Rapsernte geht weiter.

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Als eine von neun neuen Brutvogelarten hat das Schweriner Umweltministerium zum Jahreswechsel die Nandus in Mecklenburg-Vorpommern begrüßt, neben Nilgans, Schelladler, Zwergsumpfhuhn, Stelzenläufer, Weißbartseeschwalbe, Zitronenstelze, Grünlaubsänger und Tannenhäher. Deutschland ist ein Einwanderungsland. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Tierarten um 4000 erhöht. Die Neobiota, neue Pflanzen- und Tierarten, kompensieren das viel beklagte Artensterben bei weitem (siehe Interview auf der nächsten Seite). Meist gelangen die Neubürger völlig geräusch- und problemlos in die deutsche Arche Noah. Doch manche Spezies entfachen erbitterten Streit unter Naturschützern und Jägern, Tierschützern und Gärtnern, Politikern und Bürgern.

Je nach Interessenlage werden die Neuankömmlinge freudig begrüßt oder vehement bekämpft, nicht zuletzt weil eine nationale Strategie im Umgang mit Neobiota fehlt. Oft ist juristisch unklar, wer jeweils nach Agrar-, Forst-, Fischerei-, Jagd- oder Umweltrecht die Lufthoheit hat. Die meisten Menschen wissen zwar, dass im eigenen Garten fast alles, im Naturschutzgebiet außer Wandern fast nichts erlaubt ist. Dummerweise kennen Zu- und Rückwanderer wie Nandu, Biber oder Wolf die Rechtslage nicht.

Kaum zehn Meter trennen uns noch – menschenscheu sind die gefiederten Neubürger nicht. Ungefährlich auch nicht. Wütende Nanduhähne sollen arglos spazierende Mecklenburger in die Flucht geschlagen haben. Riskant lebt, wer sich ihrem Nest nähert: Das Brutgeschäft betreiben die stärksten Hähne, ein Harem von Hennen liefert die Eier. Der Wehrhahn gibt gar den Pädagogen. Als Alleinerzieher führt er die Küken ins Leben ein.

Plötzlich fährt auf dem einspurigen Teersträßchen ein roter Polo mitten in die Szene. Türenschlagend steigen zwei Frauen aus. Die Nandus machen einen kurzen Hopser talwärts, bleiben wieder stehen, recken die Hälse. Die Besucherinnen zücken ihre Fotoapparate. Klick, die neozoologische Postkartenidylle ist gebannt fürs Familienalbum.

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