neobiota »Elch und Bär stehen vor der Tür«

Wollen wir sie reinlassen? Interview mit Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamts für Naturschutz (BfN), über Rückkehrer und neue Arten in Deutschland

DIE ZEIT: In Mecklenburg breiten sich Nandus in Naturschutzgebieten aus. Wollen wir Straußenvögel als neue Art bei uns zulassen?

Hartmut Vogtmann: Aktuell kursieren zwar Vermutungen über Schäden durch Nandus an Nestern bodenbrütender Vögel, aber bisher liegen keine Beweise für negative Auswirkungen vor. Die Behörden in Mecklenburg werden dies prüfen. Noch ist die Population relativ klein und notfalls kontrollierbar, etwa durch Einfangen oder Abschuss.

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ZEIT: Der Bestand wäre viel größer, hätten nicht Jäger ihre Gelege zerstört. Sie sagen, sie dürften die Großvögel nicht schießen, aber die Ei-Entnahme sei erlaubt. Stimmt das?

Vogtmann: Die Rechtslage ist kompliziert. Einerseits ist der Nandu gemäß deutschem Recht und Washingtoner Artenschutzabkommen eine besonders geschützte Art. Laut Bundesnaturschutzgesetz ist das Töten solcher Tiere sowie die Zerstörung ihrer Entwicklungsformen verboten – also auch der Eier. Andererseits sind die Nandus gemäß deutschem Recht noch nicht heimisch. Erst müssten sich in freier Natur mehrere Generationen erhalten haben. Hier zeigt sich exemplarisch, dass zentrale Fragen über neue Arten, also so genannte Neobiota, in Deutschland noch nicht befriedigend beantwortet sind.

ZEIT: Warum werden einst heimische Arten wie Wolf und Bär, Elch oder Wisent nicht wieder angesiedelt, so wie es mit Stör und Lachs, Biber und Sumpfschildkröte geschieht? Bestimmen diffuse Gefühle den Umgang mit Arten?

Vogtmann: Es gibt wieder Wölfe in Deutschland, etwa in der Lausitz. Ihre Ausbreitung wird gefördert, wir unterstützen dies. Aber Großraubtiere konkurrieren oft mit Interessen der lokalen Bevölkerung. Auch die Gefährdung von Menschen ist zu berücksichtigen. Diese Tiere haben zudem andere Flächenansprüche als Lachse oder Sumpfschildkröten. Wir sind eher für die Förderung natürlicher Zuwanderung als für die aktive Wiederansiedlung. Die Bedingungen für das Einwandern von Luchs und Wolf sind in einigen Regionen günstig. Auch Elch und Bär stehen vor der Tür. An der österreichisch-deutschen Grenze werden Braunbären gesichtet. Zu den umfangreichen Fördermaßnahmen für die Rückkehrer gehört auch rücksichtsvolles Eingehen auf Ängste in der Bevölkerung.

ZEIT: Verfügt Deutschland über ein Konzept für den Umgang mit einwandernden Pflanzen und Tieren, also Neophyten und Neozoen?

Vogtmann: Wir haben soeben ein Positionspapier veröffentlicht und streben bis 2006 eine »Nationale Strategie« an. Wir erstellen derzeit Empfehlungen für das Bundesumweltministerium.

ZEIT: Wo liegen die Hauptprobleme?

Vogtmann: Einer Studie des BfN zufolge sind die rechtlichen Zuständigkeiten zu sehr zersplittert, auf Fischerei und Jagd, auf Land- und Forstwirtschaft. Dies führt zu kontraproduktiven Situationen: So dürften nach dem Jagdrecht Arten zugelassen werden, die der Naturschutz verbieten würde. Land- und Forstwirtschaft könnten sogar die schlimmsten Invasoren ausbringen, denn in diesen Sektoren sind keine Genehmigungen erforderlich. Wenig sinnvoll wäre auch, wenn etwa im Naturschutz 15 Bundesländer die Ausbringung einer Art untersagten, aber ein Land sie dennoch zuließe. Bei ausbreitungsfähigen Lebewesen ist das absurd.

ZEIT: Dies gilt auch für nationale Grenzen.

Vogtmann: Deshalb macht sich das Fehlen einer EU-Regelung negativ bemerkbar. So bestehen in einigen EU-Staaten gar keine Regelungen. Oder es hapert bei der gegenseitigen Information. Die anlaufende Invasion der Ambrosie mit ihren allergenen Pollen kostet unser Gesundheitswesen bereits geschätzte 32 Millionen Euro jährlich. Schädlinge setzen der Land- und Forstwirtschaft zu, Muscheln verstopfen Abwasserrohre. Zwanzig diesbezüglich untersuchte Arten verursachen 99 bis 251 Millionen Euro Kosten pro Jahr in Deutschland.

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