Buch im Gespräch
Brauchen wir noch Gewerkschaften? Unbedingt!
"Oskar Negt:" Wozu noch Gewerkschaften?"
Eine »Streitschrift« nennt Oskar Negt sein jüngstes Buch. Und das ist es in der Tat. Es wendet sich gegen die neuerdings lautstark verkündete Ansicht, gewerkschaftliche Organisationen hätten sich in Zeiten der Globalisierung und des weltweiten Siegeszuges eines entfesselten Kapitalismus überlebt. Man sollte sich ihrer daher umstandslos entledigen. Das aber, so Negt, wäre »keine Kleinigkeit, sondern ein zentraler Bruch im Demokratieverständnis der westlichen Welt«.
Die Symptome der Krise sind freilich unübersehbar, und sie werden gleich zu Beginn schonungslos aufgeführt: Zwischen 1991 und 2003 haben die im DGB zusammengeschlossenen Organisationen 4,4 Millionen, mehr als ein Drittel ihrer Mitglieder, verloren. Die tiefere Ursache für diese alarmierende Entwicklung sieht Negt nicht in erster Linie in der hohen Dauerarbeitslosigkeit, sondern in einer »kulturellen Erosionskrise«, von der faktisch alle Organisationen, von den politischen Parteien bis zu den Kirchen, betroffen seien. Sie äußere sich vor allem in einem Verlust traditioneller Bindungen und Loyalitäten. Für die Gewerkschaften komme erschwerend hinzu, dass Unternehmerverbände, unterstützt von Politikern und Medien aller Couleur, die Gunst der Stunde dazu nutzten, die Stellung der Arbeitnehmerorganisationen ein für alle Mal zu schwächen. Tatsächlich wird über eine Aushebelung des Streikrechts, also der wirksamsten Waffe, welche den Gewerkschaften zur kollektiven Vertretung ihrer Interessen zur Verfügung steht, bereits offen gesprochen.
Negt erinnert daran, dass es die Gewerkschaften waren, die den wirtschaftlich Mächtigen in einem jahrzehntelangen Kampf mühsam, Schritt für Schritt, jene Zugeständnisse abgerungen haben, die zu einer Zivilisierung des Kapitalismus und zu einer Humanisierung der Arbeitswelt geführt haben. Wer meint, diese Entwicklung ins 19. Jahrhundert zurückdrehen zu können, beschreitet, Negt zufolge, »den Weg ins Totalitäre«. Denn Sozialstaat und Demokratie bildeten »eine unzertrennbare Einheit«. Wer den Sozialstaat in seinem Kern beschädige, lege die Axt an die Wurzel der Demokratie.
Damit plädiert der Autor keineswegs gegen einen notwendigen Umbau des Sozialstaats. Wogegen er angeht, ist die Verluderung der öffentlichen Sprache, die faktische Verschlechterungen für die Masse der Beschäftigten und Arbeitslosen als »Reformen« ausgibt und mit Begriffen wie »Ich-AG« hantiert – eine zynische Wendung, die, wie Negt zu Recht sagt, »im Wörterbuch des Unmenschen Platz finden müsste«.
Allerdings werden auch die Gewerkschaften, vor allem ihre führenden Apparate, nicht von Kritik verschont. Es reiche eben nicht aus, »sich auf eine trotzige Verteidigungshaltung zu versteifen und darauf zu warten, dass die antigewerkschaftlichen Ressentiments wieder nachlassen«. Negt empfiehlt den Gewerkschaften als Antwort auf die beschriebenen Krisenphänomene nicht eine Verengung, sondern eine Erweiterung ihres Interessenfeldes. Vom Betrieb als dem eigentlichen Kampfplatz müssten sie ihre Aktivitäten ausdehnen auf Wohngebiete und Stadtteile, auf Familie und Erziehung, Verkehr und Ökologie – auf Lebenszusammenhänge also, die ebenfalls der gesellschaftlichen Organisation bedürfen. Zu fragen ist jedoch, ob die gewerkschaftlichen Organisationen angesichts ihres vom Autor selbst beklagten »chronischen Flexibilitätsdilemmas« mit einer solchen »radikalen Wendung nach unten« nicht überfordert sind.
Man muss keineswegs alle Analysen und Schlussfolgerungen teilen, um festzustellen, dass hier ein ungewöhnlich interessanter Diskussionsbeitrag zu einer der Schlüsselfragen unserer Gegenwart vorliegt. Die kritischen Intellektuellen in diesem Lande finden offenbar ihre Sprache wieder. Es ist auch höchste Zeit.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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