Biografie Auschwitz Nr. 172364
Ein Versuch, das Leben, den Tod und das Werk von Jean Améry neu zu bedenken.
Im Anfang war der Name, und der Name war Hans Maier, oder Mayer, oder Hanns Mayr oder Johann Mayer oder Johannes Maier.« Mit dieser Parodie auf den Anfang des Johannesevangeliums, der die Schöpfung durch das »Wort« als Ouvertüre eines Lichtfestes feiert, beginnt Irene Heidelberger-Leonard ihre akribische Biografie Jean Amérys. Es geht um einen der dunkleren Lebensläufe des unseligen 20. Jahrhunderts, den eines Exilierten, Gefolterten, KZ-Häftlings und Suizidanten, der sich am Ende seines Lebens seinen eigenen Reim auf die Lichtfeste des Daseins in verdüsterter Zeit macht.
Bei aller Empathie scheut sich die Biografin indessen nicht, auch die Psychologie des Trägers dieses »superlativisch-banalen« Namens mitzuliefern: »Schon der Knabe hadert mit seinem Namen, er war ihm zu ›gewöhnlich‹.« 1955 wählt der 43-jährige »Hans Mayer« – so heißt auch noch der seinerzeit um einiges bekanntere Leipziger Literaturwissenschaftler – das Pseudonym »Jean Améry«. Es klingt ungewöhnlicher und passt so zu den voraufgegangenen Versuchen, sich einen akademischen Abschluss mit Doktortitel inklusive entsprechend bedrucktem Briefpapier zuzulegen.
Eine gewisse Hochstapelei liegt nicht fern. Vor allem aber entspricht das Pseudonym der Wahlverwandtschaft, die Jean Améry mit der französischen Kultur verbindet und als deren Vermittler er von Belgien aus wirkt. Besonders bewegt ihn das Denken Jean-Paul Sartres mit seiner Philosophie der Freiheit, deren »Verdammnis« – der paradoxen Verurteilung zur Freiheit – niemand entgeht, die aber auch die Wahl eröffnet, einen anderen aus dem zu machen, den man aus einem gemacht hat. »Wer keine Wahl hat, hat die Qual!« Einen anderen, nicht eigentlich mehr pseudonymen, sondern »veronymen« Namen wählen heißt: sich selber neu entwerfen. Freilich, der neue Name ist aus den Buchstaben des alten gebildet, ein Anagramm. Ein neues, unverwechselbares Selbst sein wollen, aber bleiben, der man ist.
Zwischen »Hans Mayer« und »Jean Améry« liegt die Emigration zunächst von Wien nach Antwerpen. Bei der Beantragung des für die Ausreise nötigen »Heimatscheins« muss das »so kostbar errungene ›y‹« wieder dem trivialen »i« von »Hans Maier« preisgegeben werden, damit die Identitätspapiere übereinstimmen. Dann das Lager Gurs, aus dem die Flucht gelingt, die Gestapofolter 1943 in der belgischen Festung Breendonk, das KZ, Auschwitz, Dora-Mittelbau, Bergen-Belsen. In Auschwitz wird aus »Hans Maier« Häftling 172364, aus dem Namen die Nummer. Doch noch der befreite Häftling wird, auch als er sich längst »Jean Améry« nennt, auf seiner Nummer als der wahren Form seines Namens beharren. Das ist die paradoxeste aller Identitätsbildungen: der sein wollen, den die Folterer und Mörder aus einem gemacht haben. Nicht vergessen.
Täter sind Täter und müssen Täter bleiben. Und Opfer sind Opfer
Und das Ende? Als Jean Améry am 17. Oktober 1978 »Hand an sich legt«, da unterschreibt wieder »Hans MAIER (genannt: Jean AMÉRY)« seinen Brief an die Behörden. Er ist zur trivialsten Form seines Namens zurückgekehrt – in dem Moment, in dem er die radikalste Form seiner Freiheit wählt. Nicht bleiben, überhaupt nichts von dem bleiben, der man ist. »Der Mensch, der sich auslöscht, nimmt sozusagen die Schöpfung zurück.« Der Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof allerdings, »Ehrengrab Gruppe 40, Tor 2«, vereint das Pseudonym mit der Nummer: »Jean Améry, 1912–1978, Auschwitz Nr. 172364«.
Die Biografie der Namen, der Pseudo- und Veronyme, der Nummer zeigt, wie widersprüchlich, zugleich wie schlüssig dieses Leben ist. Es ist nicht das geringste Verdienst der Améry-Biografie von Irene Heidelberger-Leonard, dass sie die Dissonanzen, auch die Prätentionen dieses Lebens nicht verleugnet und ihm gleichwohl seine existenzielle und philosophische Logik gibt. Exemplarisch verbindet sie Identifikation und Distanz.
- Datum 25.07.2007 - 12:42 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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