Vor allem auf deutschem Boden blüht eine auf den ersten Blick exotisch anmutende, beim näheren Hinsehen aber durchaus logische und beachtenswerte Pflanze: "Schach 960". Eckhard Freise aus Münster, Professor für mittelalterliche Geschichte und erster Millionengewinner beim Ratequiz von Günther Jauch, machte sich so seine Gedanken:

"Stellen Sie sich vor: Weiß beginnt eine Partie mit 1.Sg3? oder gar 1.0–0–0?? Jeder ergraute Schächer wähnt sich jetzt endgültig im falschen Film. Denn wie Kraut und Rüben stehen die Figuren hinter den Bauern. Ein Pferd hat sich auf h1 verkrochen, und der König macht sich auf dem Stammplatz seiner besseren Hälfte d1 breit, neben ihm auf c1 hockt kein Läufer in den Startlöchern, sondern ein Turm ragt ins Gesichtsfeld?!

In der Mainzer Rheingoldhalle geht dieses Horror-Szenario für Traditionalisten alljährlich im August über die Bühne, als schon ›klassischer‹ Teil des Mainzer Chess Classic, auf 200 Brettern inszeniert von Hans-Walter Schmitt. Der ist ein großer Fan jenes vom genialen Psychotiker Bobby Fischer ausgedachten Quälix-Schachs.

Aus 960 möglichen Ausgangsstellungen wird fünf Minuten vor Beginn der Runde eine Konstellation vom Computer ausgelost – und Groß- wie Kleinmeister fühlen sich alle wie Alice im Wunderland. Zwar gelten die üblichen (Schnell-)Schachregeln, sogar eine Rochade ist erlaubt, ansonsten scheint aber alles verkehrt und nichts mehr vom good old chess übrig zu sein. Die Kommentare in der Schachwelt reichen vom einen Extrem (›Pure Seuche‹) bis zum anderen (›Keine stupide Eröffnungspaukerei mehr‹ oder ›Nirwana für Innovationen‹).

Was bleibt also einem berufstätigen Amateur wie mir in seiner kleinen Schach-Teilzeit übrig? Ausprobieren! Learning by doing! So traf ich letztes Jahr auf den starken Griechen Harilos Karabalis vom Frankfurter Klub Brett vor’m Kopp, beherzigte das Prinzip der ›kontrollierten Offensive‹ (Otto Rehakles)… Und wirklich, nach 16 (!) Zügen stand das Brett – wie bei den alten Romantikern – in Flammen.

Weiß (Karabalis) hatte zuletzt seinen Springer von g3 zurück nach h1 gezogen, um f2 zu überdecken – und ich dachte an die ewig gültige ostwestfälische Schachweisheit ›Welche Figur ist dran?‹, erinnerte mich an altbewährte Problemmotive aus dem Dampfross-Schach und zog…"

Wie setzte Professor Freise als Schwarzer in drei Zügen matt?