Weg damit

Harald Martenstein ist endlich seinen alten Videorekorder los

Im Laufe des Januars werfen die Berliner ihre Weihnachtsbäume einfach aus dem Fenster. Die Bäume liegen dann wochenlang in depressionserregender Weise auf der Straße herum, bis sie im späten Winter von der Müllabfuhr eingesammelt werden oder bis die Berliner Jugend sie anzündet. In anderen Gegenden trägt man die nadelnden Bäume ächzend und fluchend durch das Treppenhaus hinab, weil man der Ansicht ist, dass ein unten pflockartig zugespitzter Baum von nicht geringem Gewicht, der ohne ein Wort der Warnung aus dem Fenster geworfen wird, jemanden treffen und dieser Person Schaden zufügen könnte. Die gerade geschilderte Denkweise – »das, was ich jetzt gleich tue oder aus dem Fenster werfe, sollte anderen Personen möglichst keinen Schaden zufügen« – wirkt aus Berliner Sicht so bizarr und vorgestrig wie das Aramäische. Seit Jahrhunderten werden nämlich in Berlin Menschen, die von ihrem Gesichtsausdruck her zur Philanthropie neigen könnten, gleich nach der Geburt ertränkt, ähnlich wie in Bayern die jungen Katzen.

Es gibt in Berlin auch keine Sperrmüllabfuhr. Neulich war ich im Keller. In dem Keller steht unter anderem seit zehn Jahren ein Videorekorder. Er funktioniert noch, nur er ruckelt. Ich habe vor sechseinhalb Jahren im Fachhandel gefragt, was die Reparatur eines ruckelnden Videorekorders kostet. Das kann man vergessen, echt. Mein halbwüchsiger Sohn verkauft alles bei eBay. Er sagt, ruckelnde Videorekorder gehen bei eBay ganz schlecht. Ich habe bei der Müllabfuhr angerufen und gefragt, ob sie gegen Bezahlung Sperrmüll abholen. Eine Stimme fragte: »Watt denn, watt denn, watt denn, wie viele Kubikmeter sind es?« Ich antwortete: »Mal unter uns: Was genau ist eigentlich ein Kubikmeter?« Da hat die Stimme einfach aufgelegt. Ich könnte den Videorekorder selber irgendwo hinbringen, es gibt eine Annahmestelle. Ich bin aber sehr beschäftigt. Das sind jetzt die Jahre, wo die Geschäfte noch gut gehen und ich Geld verdienen kann. Nächsten Winter bin ich vielleicht schon senil, ohne Biss und out. Klar, es gibt Momente der Muße. Aber immer, wenn ich vor der Frage stehe, gehe ich jetzt vor dem Büro auf einen frühen Kaffee ins Dollinger oder bringe ich schnell den Videorekorder weg?, entscheide ich mich gegen den Videorekorder. Das ist quasi wie ein Sog. Inzwischen glaube ich, dass der Mensch genetisch nicht zum Wegbringen von Videorekordern geeignet ist.

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Jetzt habe ich den Videorekorder in den Hausmüll getan. Obwohl er funktioniert. Trotz Öko. Alle Berliner tun alles in den Hausmüll, außer es ist sehr sperrig. In letzterem Fall wird es kommentarlos aus dem Fenster geworfen. Ich dachte: »Jetzt höre ich endlich auf, eine Parallelgesellschaft zu bilden. Ich passe mich an.« Aber ich fühle mich schlecht dabei.

In der Stadt Mainz wuchs ich auf. In der Stadt Freiburg habe ich studiert. In der Stadt Berlin lebe ich. Diese biografischen Details berichte ich, um zu belegen, dass mein bisheriges Leben mich in besonderer Weise dazu qualifiziert hat, folgenden Satz aufzuschreiben: »Verhaltensweisen, für die man in Freiburg oder in Mainz verhaftet werden würde, sind in Berlin der Mainstream.«

 
  • Serie Lebenszeichen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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