MUSIK Pflege den Exzess!

Die Band Tocotronic spielt gegen das Dienstleistungsdenken im Pop an

Die Bühne brennt. Zuerst fliegen die Dosen, dann stürmt das Publikum in Richtung Band, später stehen die Verstärker in Flammen. Nach dem Auftritt – nur Verwüstung und Leere. Die Bilder aus dem Video zur neuen Single der Hamburger Band Tocotronic wirken nach den weltweiten Gewaltspuren eines durch die Medien multiplizierten Tsunamis wie ein Witz. Dabei soll die Inszenierung Fanal sein und Aufruf zu Ungehorsam – adressiert an die Gesamtheit aller hiesigen Popkulturschaffenden und -konsumenten. Wer möchte, liest das Videotheater auch als Absage an das grassierende »Wir sind endlich wieder wer«-Nationalgeträller in den deutschen Verkaufshitparaden. Mag die Krise der Schallplattenindustrie auch nach Maßnahmen verlangen, die im letzten Jahr wiedergeborene Idee einer Quote für deutschsprachige Musik im Radio ist Verrat an der Kunst. Tocotronic sind einmal mehr gekommen, um sich zu beschweren.

Es gehört zu den schönen Angewohnheiten der 1993 gegründeten Band, ihr Unbehagen an den Dingen, wie sie gerade mal sind, in graffitireife Slogans zu verwandeln – »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein«, »Gitarrenhändler, ihr seid Schweine«, »Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit«, »Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst«. Tocotronic-Zeilen setzten sich im Popzitatschatz der neunziger Jahre fest, sie machten ihre Urheber zu Lebensgefühlsgebern einer Generation, der sie im Zweifelsfall nie angehören wollten. Die Anhänger dieser vollendet verhuschten Trainingsjackentypen mit den raffiniert verfehlten Frisuren entdeckten in Tocotronic den romantisch-zornigen Jungsbund, der ihnen das Provinzielle aus den Hirnen pusten konnte. »Wie ich fühlen, aber Worte dafür haben«, das war mehr, als man von einer gewöhnlichen Rockband verlangen konnte.

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Im aktuellen siebten Tocotronic-Album tauchen hitverdächtige Identifikationsmuster nur noch kurz auf und verschwinden sodann ohne Donnerhall im Fluss der Poesie. In den Sphären, in denen Tocotronic 2005 denken und spielen, steht die Idee über der Geschichte, Abstraktion über Erlebtem. Gegen den Strich heißt ein Titel, ein verquastes Stück über Ich-und-die-Welt-Beziehungen, das sich beim letzten politischen Kampflied bedient, das in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde: »Völker, auf zum Gefecht, die Illusion wird Menschenrecht«. Zwei Songs weiter der Tocotronic-Stammbucheintrag 2005: »Pure Vernunft darf niemals siegen, wir brauchen dringend neue Lügen, die uns durchs Universum leiten und uns das Fest der Welt bereiten.« Schön gesagt, Dirk von Lowtzow.

Bei näherer Betrachtung gruppieren die Toco-Sprüche der Saison sich um die lustbetonten Imperative aus der Eisenzeit des Pop: Sei ungestüm und verwirrend! Pflege den Exzess! Die zweite Gitarre, die der Amerikaner Rick McPhail, seit der letzten Tournee festes viertes Bandmitglied, beisteuert, katapultiert die Lieder aus dem heimischen Punkrock-Keller in einen mit Historie reichlich aufgeladenen globalen Popclub. Zitate werden zerschnitten, verfremdet, aus dem Kontext gerissen und in die Soundmaschine geworfen, in der Beton gegen die Trivialisierung angerührt wird: Say it loud, I’m lost and proud oder Keine Angst für niemand. Im Eröffnungsstück Aber hier leben, nein danke lassen Tocotronic die Träume Funken sprühen, während nebenan die weißen Blumen blühen, inmitten flammenden Wahnsinns, Freunde, zum All hinan! Dass da in einer Bilderwelt gewildert wird, die Jim Morrison so oder ähnlich im Rock-’n’-Roll-Rausch halluziniert haben könnte, weiß Sänger und Songwriter Dirk von Lowtzow zu gut. »Einen Sog entwickeln« nennt er das. »Wir können an die Doors wieder anknüpfen, weil wir merken, dass vieles von dem, was wir früher uncool fanden, aus einem freien Geist geboren wurde und mehr enthält als Lieder vom Alltag unter Studenten.«

Ein bisschen hinterherweinen möchte der Anhänger dem ironischen Rock-Aufbruch der frühen Tage aber schon. Wenn eine Band wie Tocotronic, die durch die Diskurs-Klassen der Hamburger Schule gereicht wurde und sich über das Spiel mit der Naivität definiert hat, Anschluss an die ewigen Fantastereien des Pop sucht (und findet), wird ein Stück originärer Popkultur endgültig verabschiedet. Ein Reifungsprozesses, der kaum mehr zu verhindern war.

Dirk von Lowtzow mag diese Einschätzung nicht teilen: »Erst ist man ganz lange die jugendliche Sturm-und-Drang-Band und geht plötzlich und nahtlos über ins Alterswerk. Ich lache, wenn ich lese oder höre, dass die Band jetzt erwachsen geworden ist.« Wer sonst möchte sich ernsthaft darüber beschweren, dass Tocotronic mit denjenigen altert, für die sie einmal die Welt in Begriffe gesetzt hat? Man muss ja nicht gleich altersmilde werden. Begriffsapparat und Darstellungsweisen haben sich hör- und sichtbar vergrößert und verfeinert. Auf dem Cover der CD sind die Musiker in einen dunklen Wald montiert, in dem nur die Lichtorgeln des Psychedelic-Rock fehlen, auf den Fotos, die jetzt durch die Musikmagazine gehen, wird eine weitere Tocotronic-2005-Darstellung geprobt: Die Köpfe der Bandmitglieder, blass wie Sellerie, ragen aus schwarzen Existenzialisten-Rollis. Mehr Bedeutung muss aber auch nicht sein. »Der Stylist wollte uns so Beatles-mäßig haben«, bemerkt von Lowtzow.

Nach dem anderthalbjährigen Produktionsmarathon des Vorläuferalbums von 2002 wurden die Songs jetzt innerhalb einer Woche in einem Keller in Berlin-Kreuzberg aufgenommen, live, ohne Kopfhörer. Das swingt regelrecht für Tocotronic-Verhältnisse (»Hörst du die Westcoastartigkeit im Schlagzeug?«, ruft Dirk von Lowtzow begeistert durch den Telefonhörer). Zarte Blues- und Country-Signaturen ranken sich ums Rock-Gebälk, die Band verschwindet in einem hymnischen »Lalalalala«. Möglicherweise, dämmert es dem aufrechten Sänger selbst, ist das schon wieder die Musik, die genau den alternativen Spießern gefällt, die die Band damals nölend dem Gelächter ihrer Campus-Freunde preisgab. Dirk von Lowtzow kennt aber keinen Beifall, der ihn nicht auch beschämt. »Das Dienstleisterische, das der ganzen Popmusik im Augenblick so anhaftet, finde ich total deprimierend. Wir sehen uns nicht in der Bringschuld, den Leuten eine gute Zeit liefern zu müssen.«

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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  • Schlagworte Musik | Pflege | Tocotronic | Band
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