Ich habe einen Traum
Helmut Dietl, 60, geboren im bayerischen Bad Wiessee, ist Regisseur der gefeierten Fernsehserien »Monaco Franze« und »Kir Royal«. Seine Kino-Farce »Schtonk!« über die gefälschten Hitler-Tagebücher wurde für den Oscar nominiert. Dietl ist in vierter Ehe mit der Regisseurin Tamara Duve verheiratet, das Paar lebt mit der Tochter in München. Nächste Woche kommt Dietls »Vom Suchen und Finden der Liebe« in die Kinos. Dazu wird im Diogenes Verlag ein Buch erscheinen, dem dieser Text entnommen ist. Helmut Dietl beschreibt, wie aus seinen Träumen Filmszenen entstehen
Im Mai des Jahres 2000 begann ich unter Schlafstörungen zu leiden, die mir in dieser Form bisher nicht bekannt waren. An unruhigen Schlaf war ich gewöhnt. Schon als Kind konnte ich nur schwer einschlafen. Tagsüber war an Schlafen nicht zu denken, der so genannte Mittagsschlaf, ein unerlässliches Beruhigungsmittel für nervöse Kinder, war mir nicht nur nicht möglich – ich hasste ihn geradezu. Nichts Schrecklicheres gab es für mich, als bei hellem Tag ins Bett zu gehen und die Augen schließen zu müssen. Panikartige Zustände erfassten mich, unerklärliche Ängste stiegen in mir auf, mit unbeschreiblichen Schrecken drohte mir das Schläfchen, das eigentlich das Gegenteil bewirken sollte. Das Ergebnis dieser wohl neurotischen Störung war ein ständig ermüdetes Kind, das durch manische Phasen von Überaufgeregtheit, mit denen es seine Erschöpfung auszugleichen suchte, seinen Eltern gewaltig auf die Nerven ging.
Jahre später, in der Zeit des frühen und mittleren Erwachsenseins, nahm das Problem etwas andere Formen an. Da nach wie vor an Mittagsschlaf nicht zu denken war, befiel mich regelmäßig gegen zweiundzwanzig Uhr eine überschwere, bleierne Müdigkeit, die mich zwang, sofort, und zwar innerhalb weniger Minuten, mein Bett aufzusuchen, die mir gemäße Seitenlage einzunehmen, mein Kopfkissen mit den Armen zu umschlingen, um am Busen dieser Braut aus Gänsedaunen und Schweizer Baumwollsatin selig einzuschlummern.
Dieser nirwanische Zustand, der idealerweise acht bis zehn Stunden hätte andauern sollen, fand jedoch sein jähes Ende nach weniger als zehn Sekunden. Dann war ich wieder hellwach, und zwar so hell und grell, so unnatürlich überwach, dass an ein Einschlafen im Laufe der nächsten fünf Stunden gar nicht zu denken war.
Stattdessen rasten die Gedanken in meinem Kopf um die Wette wie auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, versuchten sich gegenseitig zu überholen, kollidierten dabei, drehten sich um sich selbst, verloren Heck- und Frontspoiler, um schließlich irgendwann gegen irgendwelche Leitplanken oder Mauern zu prallen. Wenn dieser Moment des Zusammenbruchs erreicht war, wie gesagt nach etwa fünf Stunden, kam meist irgendwo aus dem Dunkeln ein großer gütiger Elefant daher, setzte sich ganz ruhig mit seinem dicken Arsch auf mich und drückte mich dabei so tief in die Kissen, dass ich am nächsten Tag Mühe hatte, vor vierzehn Uhr meine Augen zu öffnen. Ich war zerschlagen, gerädert, zu Tode erschöpft. Diese Phase dauerte glücklicherweise nur bis zum Alter von circa siebenundzwanzig Jahren. Danach nahm das Phänomen der Schlaflosigkeit eine ganz neue Qualität an. Nämlich umgekehrt: Ich ging zu Bett, schlief sofort ein und erwachte erst nach genau vier Stunden. Um diese Zeit war es meistens zwischen drei und fünf Uhr morgens, und wieder rasten die Gedanken, nur mit dem Unterschied, dass der freundliche Elefant nicht mehr kam. Stattdessen kamen Bilder, zunächst eine stürmische Flut, ein Durcheinander von Schatten und Licht, konturenlose, amorphe Zeichen und Kleckse, die sich aus den allmählich sich beruhigenden Wogen erhoben und zu einem szenischen Bild verdichteten, das nun mit größter Klarheit vor mir stand und mir dennoch absolut unverständlich war.
So wurde mir zum Beispiel in der Nacht des zweiten Weihnachtsfeiertages 1972 folgendes Bild gezeigt: Eine aufgeregte Frau um die dreißig, in die Überreste eines Faschingskostüms gekleidet, steht in einer großen Altbauwohnung und zählt Stühle, die dort in jeder Form und Größe völlig ungeordnet herumstehen.
Immer wieder zählt sie diese Stühle, so als sei deren Anzahl nicht vollständig. Schließlich stellt sie fest, dass tatsächlich drei ihrer Stühle fehlen. Ruhig und sachlich, wie erleichtert, teilt sie dieses Ergebnis jemandem mit, den ich nicht sehe, da er sich in einem Nebenzimmer befindet. Ende des Bildes.
Da mir dieses Bild, wie schon gesagt, gar nichts sagte, versuchte ich es zu verdrängen und lieber in den wilden Strom undeutlicher Zeichen zurückzurudern. Keine Chance. Mit größter Hartnäckigkeit behauptete sich das kryptische Bild vor anderen, wiederholte sich ständig, starrte mich geradezu hypnotisch an, so als wollte es sagen: Deute mich, Dummkopf! Zu jener Zeit hatte ich allerdings Wichtigeres zu tun, als das Zählen von Stühlen zu deuten. Ich musste nämlich möglichst schnell ein Drehbuch für meine erste Fernsehserie, Münchner Geschichten, schreiben. In vierzehn Tagen war Drehbeginn, und mir fiel nichts ein. Deute mich, Dummkopf!
- Datum 20.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.01.2005 Nr.4
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