Testergebnis Nicht ganz der Vater

Was, wenn man an seinem Kind hängt – und merkt, dass es nicht das eigene ist? Die Geschichte einer privaten Katastrophe

Ein Büro in Ostdeutschland. Christoph Heller setzt sich, legt eine Plastikhülle mit Papieren auf den Konferenztisch. Er rückt den Stuhl heran, ein Geschäftsmann in Hemd und Krawatte. Er sitzt da, als wolle er einen Quartalsbericht verlesen, aber er ist hier, um von einem Drama zu erzählen, dem Unglück seines Lebens. Er wird stundenlang reden. Er wird versuchen, die Dinge nüchtern vorzubringen. »Man muss das sachlich sehen«, dieser Satz ist sein Rettungsanker. Wenn er in der Krise weder aus noch ein wusste, mal wieder völlig verzweifelte, erschien ihm der Versuch, Abstand zu gewinnen, als einziger Ausweg. Er hat ihn vor Schmerzen nicht bewahrt, wenngleich beruflich erfolgreich gemacht – mit 40 Jahren ist er Chef von 150 Mitarbeitern. An diesem Nachmittag wird er um Fassung ringen.

Heller, der in Wirklichkeit anders heißt, schildert die Geschichte einer emotionalen Verstrickung. Viel zu lange war er an eine Frau gebunden; er hat sich immer noch nicht ganz befreit. Es geht um eine chaotische Liebe, die nach sieben Jahren ihr Ende fand. Es geht um ein Kind, das Heller für seines hielt, bis er heimlich einen Vaterschaftstest in Auftrag gab und ein negatives Ergebnis erhielt. Es geht um die seltsamen Widersprüche menschlichen Verhaltens – etwa, dass Heller sich mit dieser Frau in berufliche Abenteuer stürzte, als die Beziehung längst beendet war. Seine Erinnerungen klingen so abwegig, dass Heller heute selbst darüber staunt, auch über sein eigenes Handeln. »Wenn ich Freunden davon erzähle«, sagt er, »habe ich Mühe, alles so darzustellen, dass es überhaupt jemand glaubt.«

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Hellers Geschichte beginnt Ende der neunziger Jahre in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Er hat gerade seinen Job gekündigt, seine Wohnung aufgelöst, eine Beziehung ist zu Ende gegangen. Er will ein Jahr Pause machen, im Ausland. Er hat seit seiner Lehre immer nur gearbeitet – und nun »das Gefühl, seit Jahren nicht mehr an der frischen Luft gewesen zu sein«. Kurz vor seiner Abreise lernt er auf einer Party eine junge Frau kennen, »interessant, mit großer Ausstrahlung«. Sie ist Mitte zwanzig, Kind einer Einwandererfamilie aus dem Mittelmeerraum, in Deutschland geboren. Heller verliebt sich. Er erlebt die Frau als »klug, unterstützend, die ideale Partnerin«. In wenigen Wochen kommt er ihr »sehr nahe«. Dann fährt er.

Heller erzählt, er habe bald danach gemerkt, dass er sich in der Frau getäuscht hatte. Er sagt das wie jemand, der sich am liebsten ohrfeigen würde dafür, dass er die Dinge damals nicht so klar gesehen hat, wie sie ihm heute erscheinen. Sofort nach seiner Abfahrt sei ihm die Frau unangemeldet nachgereist; ständig sei sie ohne Grund eifersüchtig gewesen, habe ihn durch Telefonanrufe zu kontrollieren versucht. Sie habe ihn geradezu terrorisiert – alles Vorzeichen des Durcheinanders, das noch kommen sollte, der Nährboden, so sieht er es, für den späteren Betrug. Nach wenigen Monaten habe er sich vom Ausland aus zum ersten Mal zu trennen versucht. Doch die beiden versöhnten sich. Heute hält er die Frau für »psychisch gestört«. Warum er so lange bei ihr blieb, sieben Jahre – die Endphase eingerechnet, in der sie nur noch so auftraten, als wären sie ein Paar? Er hat keine Antwort darauf. Er sucht sie doch selber. Er muss reden, die Fakten ordnen, vielleicht kommt er der Antwort so näher.

Die Beziehung kriselt schon, da wird die Freundin schwanger

Er redete sich die Beziehung schön: »Damals habe ich mir gesagt, wenn man eine Ausländerin zur Freundin hat, muss man mit ein bisschen Wind rechnen.« Heute sieht er überall das gleiche Verhaltensmuster, wie ein Warnschild: dass die Frau immer wieder an sein Mitleid appellierte. Strategie, sagt er. Kühl berechnete Manipulation. Das Paar arrangiert sich. Heller zieht nach Deutschland zurück, in eine Großstadt, arbeitet wieder. Sie lebt weiter in der Kleinstadt, in der sie sich kennen lernten. Sie sehen sich am Wochenende. Es gibt viele Trennungsversuche seinerseits; ohne Abstand ist diese Beziehung nicht auszuhalten. Heller lässt sich von einem Psychologen beraten. Er fragt sich nicht, warum er mit dieser Frau zusammen ist – er sucht nur nach einer Erklärung für ihr Verhalten, die Heulkrämpfe, die ständigen Telefonanrufe. Er bekommt keine eindeutige Antwort. Die Jahre vergehen wie in einem schlechten Traum, 1998, 1999. Er erinnert sich nicht, was wann genau passierte, obwohl er sonst ein gutes Gedächtnis hat. Dann teilt die Frau ihm mit, dass sie schwanger ist.

Heller joggt »drei Tage lang wie ein Blöder durch den Wald«. Einen Monat zuvor haben sie sich wieder einmal getrennt. Aber Heller sagt sich: »Egal, es ist ohnehin Zeit für ein Kind.« Er ist Mitte dreißig. Über die Trennung nachdenken will er später – er glaubt tatsächlich, er habe die Entscheidung nur verschoben. Die Geburt erlebt er als »ein erschütterndes Ereignis voller Wärme und Glück«. Er ist nun Vater, so scheint es. Er hat einen Jungen, der ihm sogar ähnlich sieht, wie er findet – »das perfekte Kind, auch wenn das vielleicht jeder Vater sagt«. Er erkennt die Vaterschaft juristisch an. Der Junge soll bei der Mutter und deren Eltern aufwachsen; ans Zusammenziehen denken Heller und seine Freundin nicht. Er besucht sie und das Kind am Wochenende, meist nur alle 14 Tage; er hat wenig Zeit in seinem Beruf. Der spärliche Rhythmus der Treffen kommt ihm gelegen. »Man war ja glücklich, dass man hinterher wieder Ruhe voreinander hatte.«

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