Etwas Seltsames ist an dem Streit um die "Kuckuckskinder", das sich nicht durch Unterhaltsfragen, nicht durch den juristischen Schutz des Kindes und auch nicht durch den eifersüchtigen Verdacht erklären lässt, den jede Frage nach dem Erzeuger unter Eheleuten aufwirft. Es gibt einen Überschuss an Empörung, vor allem auf der Seite der Männer, die sich durch den Gesetzgeber benachteiligt fühlen. Aber warum? Weil sich der Staat anmaßt, dem Mann die Information darüber zu verweigern, ob seine Frau treu geblieben ist?

Diese Information war früher niemals sicher zu bekommen, und seit dem römischen Recht galt daher der Grundsatz, für alle Kinder, die in einer Ehe geboren werden, auch den Ehemann als Vater anzusehen. War dieser Zustand unerträglich? Wenn er es war, warum wurden dann überhaupt je Kinder adoptiert und mit Freuden den leiblichen gleichgestellt? Gab es niemals den Stolz des Vaters, durch Erziehung ein fremdes zum eigenen Kind zu machen?

Es scheint, als habe die Gentechnik mit ihrer Möglichkeit, Sicherheit über etwas zu gewinnen, was immer unsicher bleiben musste, einen Rückfall ausgelöst, der über Jahrtausende zivilisatorischen Ehrgeizes hinweg zur archaischen Eifersucht der Tiere führt. In der Tierwelt gibt es die genetische Eifersucht und keine andere; in einem Löwenrudel kommt es vor, dass ein neues Alphamännchen alle Nachkommen seines Vorgängers tötet. Die Tierwelt kennt das Prinzip, nur die eigenen Gene zur Fortpflanzung kommen zu lassen, und aus der Tierwelt haben die Evolutionstheoretiker daher die berühmte These vom Egoismus der Gene gewonnen.

Wer bestimmt das Kind: Die Gene – oder doch die Gesellschaft?

Damit ist gemeint, dass alle Erscheinungsformen des Lebens, alle schön getüpfelten Pelze, buschigen Mähnen, ausgepichten Jagdmethoden und erstaunlichen Höhlenbauten nur dem Ziel eines Chromosomensatzes dienen, sich zu vervielfachen.

Es ist eine desillusionierende These, geeignet, alle Farbigkeit der Schöpfung in ein darwinistisches Einheitsgrau zu verwandeln, und noch ernüchternder wirkt sie, angewandt auf den Menschen, wenn man sich vorstellen müsste, dass selbst die Glasfenster einer Kathedrale auf verschlungenem Wege dem Dominanzanspruch eines bestimmten genetischen Codes zum Sieg verhelfen sollten.

Aber wer zwingt uns, Kinder und Familie, Erbe und Tradierung nur im Lichte der genetischen Zeugung zu verstehen? Es ist noch nicht lange her, etwa dreißig Jahre, dass der Stolz aller fortschrittlich denkenden Menschen darin bestand, auf die Gene zu pfeifen und im Sozialen, in Milieu und Erziehung die entscheidende Kindes-Prägung zu sehen. Den physischen Menschen hielt man, gut aufklärerisch und mechanistisch gedacht, für einen beliebig bildbaren Rohstoff, als sei er ein Teig, der erst im Backofen der Gesellschaft zum Kuchen wird, und alles käme dabei nur auf die richtige Einstellung von Garzeit, Ober- und Unterhitze an.

Das war eine Übertreibung, die dem Optimismus der Epoche entsprang. So konnte es wohl nicht ausbleiben, dass der pessimistische, resignatorische Gegenschlag kam. Heute ist auf den Backofen gepfiffen, und alles Entscheidende scheint in dem Teig zu liegen, dessen Rezeptur freilich dem menschlichen Eingriff entzogen bleibt.