VaterschaftstestArmer Papa

Im Streit um Vaterschaftstests werden Väter vor allem als dubiose Figuren dargestellt. Dabei brauchen sie mehr Zuspruch denn je von 

Es wird heute viel über Vaterschaft geredet. Das ist eigentlich erfreulich, denn da gibt es wirklich einiges zu enträtseln: Was es heißen soll, ein guter Vater zu sein, das versuchen heute viele Männer zu erproben. Allerdings: In den erregten Debatten dieser Tage, die um Demografie und um Abstammungstests kreisen, kommen Männer immer nur als Probleme vor. Die einen sind es in den Augen der Frauen nicht wert, Vater zu werden. Die anderen bestreiten mit allen Mitteln, Vater geworden zu sein.

Eine Umfrage der Zeitschrift Eltern for family machte Sensation mit einer neuen Erklärung für die Kinderlosigkeit hierzulande. 44 Prozent der befragten Kinderlosen gaben an, auf Nachwuchs zu verzichten, »weil ihnen der geeignete Lebenspartner fehlt«. Man kann das neutrale Wort »Lebenspartner« hier getrost durch »Mann« ersetzen, denn 89 Prozent der Befragten waren Frauen. Ungefähr jede dritte Kinderlose hält also die verfügbaren Männer für ungeeignet, Vater zu werden.

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Neben den »ungeeigneten« Männern bestimmen diejenigen die Schlagzeilen, die ihre Vaterschaft anzweifeln und gar auf gerichtlichem Wege loswerden wollen. In den Fernsehberichten über das Verbot heimlicher Vaterschaftstests sieht man Männer nachts, mit Wattestäbchen bewaffnet, ins Kinderzimmer schleichen, um eine Speichelprobe zu entnehmen. Die geben diese Männer an ein Genlabor – in der Hoffnung, sich die lästigen Blagen als erwiesene Wechselbälger vom Leib zu schaffen und sich somit Unterhaltszahlungen entziehen zu können. Vielleicht auch nur in der Absicht, sich fürs Verlassenwerden zu rächen, indem man die Frau in den Verdacht bringt, eine »Schlampe« zu sein. Willkommen in der Welt der Rosenkriege, in der bekanntlich jedes Mittel recht ist, den anderen zu übervorteilen. Um diese Kriege zu zivilisieren – so die Befürworter –, will die Justizministerin ein Gesetz, das heimliche Vaterschaftstests verbietet. Damit würde das »informationelle Selbstbestimmungsrecht« des Kindes und der Frau geschützt, der Familienfrieden gewahrt.

Gegen dieses Verbot regt sich der Widerwille vieler Männer, weit über den Kreis der Betroffenen hinaus. Das Unbehagen kommt daher, dass der Staat sich hier in intime Dinge einmischt, die die beteiligten Männer und Frauen besser unter sich ausmachen müssen.

Viele Väter fühlen sich ohnehin schon rechtlich diskriminiert. Sie haben es oft schwer, nach Trennung oder Scheidung ihr Recht auf regelmäßigen Umgang auch durchzusetzen, geschweige denn, das Sorgerecht zu erhalten. Zu Unterhaltszahlungen hingegen ist jeder Vater verpflichtet. Aber damit ist die Sache nicht erklärt: Es geht nicht nur um jene »Zahlväter«, die sich um ein Rechtsmittel betrogen sehen. Schätzungsweise werden jährlich 15000 bis 40000 Abstammungstests durchgeführt, bei 730 000 Geburten (2003). Warum sollte ein zahlenmäßig so marginales Problem derart die Öffentlichkeit aufwühlen?

Viele Männer stören sich an diesem Verbot nicht deswegen, weil auch sie am liebsten heimlich einen solchen Test machen wollen – bekanntlich ist ja Vaterschaft immer ungewiss (pater semper incertus). Sie empfinden es aber als ungerecht, dass das Interesse an Klarheit über die Vaterschaft anderen Rechtsgütern – informationelle Selbstbestimmung – wie selbstverständlich untergeordnet wird. Überhaupt wird das Interesse an biologischer Vaterschaft in der Debatte wie ein böser Atavismus behandelt. Wer einmal erlebt hat, wie Kinder auf die Nachricht reagieren, der vermeintliche Vater sei gar nicht »der richtige«, weiß, wie blauäugig es ist, zu glauben, man könne dieses archaische Interesse an der Herkunft einfach wegwischen. Das Verhalten der Mütter, die die »Kuckuckskinder« unterschieben, wird nicht als Vertrauensbruch gegenüber dem Mann behandelt, sondern als Verfolgung des Kindeswohls unter widrigen Umständen oder gar als subversive Guerilla-Tat gegen das Patriarchat. »Das größte Problem sind in der Regel nicht die Frauen, die ihren Männern Kinder unterschieben«, weiß die taz. »Die größten und häufigsten Familienschweine sind Männer, die von ihren Kindern nichts wissen wollen … und sich in ein fröhliches Junggesellenleben fliehen.«

Wenn der Mann seine Vaterschaft klären will, so ist dies »Ausdruck uralten dynastischen Denkens, wo Abstammung und Blutsbande lebenswichtig waren«, schreibt ein Kommentator, der sich seiner progressiven Gesinnung offenbar sehr sicher ist. Der technische Fortschritt der genetischen Diagnostik bedeute darum »sozial einen Rückschritt«. Männer, die technische Gewissheit über die Abstammung ihrer Kinder suchen, müssen also im Grunde umerzogen werden. Als Umerziehungsmaßnahmen hin zum fortschrittlichen »sozialen Vater«, der auf die Biologie pfeift, muss man denn auch die Vorschläge betrachten, Männer durch Zwangsberatung von ihrem Wunsch nach einem Test abzubringen. Wenn die Männer sich dann immer noch unverbesserlich zeigen, so wollen es die Verteidiger des Gesetzes, dann muss Strafe her – in jedem Fall der Verlust des Rechts, Unterhalt beim biologischen Vater einzuklagen, schlimmstenfalls gar Haftstrafen.

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