Vaterschaftstest Armer PapaSeite 3/3

Das Experimentelle an der Patchworkfamilie besteht also paradoxerweise darin, es so hinzukriegen, als wäre diese Lebensform eben kein soziales Experiment, sondern etwas Natürliches. Das ist eine Art experimenteller Konservatismus: Den weiterhin steigenden Scheidungszahlen und den sinkenden Geburtenraten zum Trotz wünscht sich die breite Mehrheit in allen Meinungsumfragen die Familie als Lebensform. Die Angst, wegen solcher Wünsche als reaktionär zu gelten – vor einer Generation noch die Regel –, hat der Angst Platz gemacht, den Anforderungen des Familienlebens nicht mehr gewachsen zu sein. Heute geht es nicht mehr um die Emanzipation von der Familie, sondern um die Emanzipation zur Familie. Das ist die wahre Kulturrevolution, die heute vor sich geht, und viel zu langsam wird sie auch von den Experten der Familienpolitik bemerkt.

Die Attraktion der bürgerlichen Familie heute wächst gerade in dem Maße, in dem sie die Individuen überfordert. Scheidungsraten, geringe Geburtenzahlen und hässliche Rosenkriege sprechen gerade nicht für eine Abwertung der Familie, sondern eher dafür, dass der Familie sehr viel, oft zu viel an Hoffnungen und Sinn-Erwartungen aufgebürdet wird. Die vielen tausend Scheidungskinder, die durch das Zerbrechen der Familien in den letzten Jahrzehnten – im Zuge von Individualisierung und Flexibilisierung – produziert wurden, versuchen heute, selbst Familien zu gründen und sie gegen alle Wahrscheinlichkeit auf Dauer zu stellen. Sie wollen am liebsten den wahren Jakob und nicht irgendeinen Ersatz wie die Patchworkfamilie. Manche von ihnen waren einst selbst Objekte von Lebensstilexperimenten ihrer Eltern, und die meisten wollen darum keine Experimente mehr. Wie man in einer Familie lebt, die sich nicht als Relikt längst vergangener Zeiten, bestenfalls vielleicht als Übergangsphänomen versteht, wissen sie aber nicht. Eine funktionierende, dauerhafte Familie ist für sie eine Utopie.

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Eine merkwürdige Utopie: Denn es geht nicht um die Befreiung des Individuums von den Fesseln des Alltags wie in früheren Utopien. Es geht geradezu um das Gegenteil, um das Sichverstricken und Sichverstrickenlassen in den Alltag. Familie bedeutet sich festlegen und, mehr noch, sich festlegen lassen. Alle entscheidenden Dinge sind in der Familie nicht verhandelbar. Ein Raum, in dem die wesentlichen Dinge nicht verhandelbar sind und in dem dennoch Liebe, Rücksichtnahme und Zuwendung herrschen – das ist die Utopie der Familie heute, ganz gleich ob Patchwork oder konventionell. Eine Mehrheit hängt ihr an im vollen Bewusstsein der statistischen Unwahrscheinlichkeit, in ihr auf Dauer leben zu können.

Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Utopie Wirklichkeit werden kann, haben sich jetzt alle Parteien verschworen, die berufstätige Mutter zu entdämonisieren. Das ist auch für Väter ein wichtiger Kampf, weil ihr Glück und das ihrer Kinder nicht zuletzt davon abhängt, dass Mütter sich nicht im permanenten schlechten Gewissen zwischen Beruf und Familie zerreißen. Wenn der Komplex der »Rabenmutter« zerfällt, werden Frauen mehr Mut haben, Mutter zu werden. Sie müssen ihre Ambivalenz in Fragen der Mutterschaft dann nicht mehr auf die »ungeeigneten Männer« projizieren. Wie die Rabenmutter sollte man auch das Familienschwein endlich abräumen. Nicht weniger als die Frauen brauchen Männer heute vor allem mehr Zuversicht und Vertrauen, damit aus vermeintlich ungeeigneten Partnern doch noch gute Väter werden können.

 
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