tagebuch Gott ist kein Spießer
Begegnungen mit Else Lasker-Schüler in den letzten Jahren ihres Lebens
25. 1. 42 Sie soll nicht, wie ich glaubte, 66 sondern mindestens 74 Jahre alt sein. Dann ist ihre Vitalität ungeheuer.
Sie erzählt ein gleichgültiges Schiffserlebnis. Mitten drin kommen die Worte: »Da kam der Steward auf mich zu: Sind Sie Frau Lasker-Schüler? – Ja, leider.«
Sie sagt: »Ich war so arm, daß ich in Berlin immer unter den Balkonen der Häuser ging, damit meine Eltern im Himmel mich nicht sähen.«
Ich frage sie, ob sie die englische Anthologie, in der Gedichte von ihr stehen, gelesen habe. Sie verneint.
Sie bekennt, daß sie nie Bücher gelesen habe. Nur wenn sie einen Menschen gern gehabt habe, dann habe sie auch seine Bücher gelesen. So einen Roman von Kurt Münzer.
8. 2. 42 Sie sprach neulich einmal von »Wiesenschaumkraut«. Ich habe keine Ahnung mehr, wie es aussieht, aber aus dem wunderbaren Wort fühle ich es entstehen –
4. 6. 42 Sie hält sicher alles für Dreck, was über sie geschrieben wird, liest es nicht einmal, versteht es kaum, und doch saugt sie es ein wie Opium. Was erwartet sie? Im Grunde nichts als dies: daß der Ansager im Berliner Sportpalast vor 10.000 Menschen also spricht: Und jetzt, meine Damen und Herren, wird unsre unsterbliche Dichterin Ihnen einige ihrer Hebräischen Balladen vortragen, und sie beginnt in einer Totenstille: »Der Fels ist morsch, dem ich entspringe« – und nachdem sie am Schluß jenes »Zu Gott schreit« nicht geschrieen sondern völlig nüchtern gesprochen hat, bricht tobender Beifall los. Unter den Anwesenden sind zur Hälfte Juden, oder ein Drittel. Sie hat keinen anderen Traum als diesen.
10. 6. 42 Sie war eine halbe Stunde bei mir, aber die Verwirrung, in der sie sprach, war kaum zu ertragen, um so mehr als sie gleichzeitig den Eindruck von einer erstaunlichen Kraft der Berechnung und Verstellung erweckt. Sie ist nicht so verwirrt, wie sie scheint, und gleichzeitig verwirrter, und da sie das Dichterische bis zum Nichtvorhandensein verbirgt, so frage ich mich, wer da eigentlich vor mir sitze. Sie benutzt alle Menschen als Mittel und ganz besonders die, welche sie zu lieben behauptet. Ich glaube, und schrecke immer wieder davor zurück, daß in dieser Frau etwas Verbrecherisches liegt. Schwer, zu formulieren, worin es besteht. Vielleicht darin, daß sie nicht die geringste Anstrengung macht, sich selbst zu verstehen und so die anderen, oder die anderen und so sich selbst. […] Einer solchen Frau als Geliebter begegnet zu sein, stelle ich mir, für einen Mann, als das größte Unglück vor, das ihn überhaupt treffen kann. Freilich, ihre Gedichte, aber –
29. 6. 42 Sie will nach Rom, sie will ins Tessin, sie schreibt an den Papst, der Duce muß gerettet werden, die Juden sind schlecht, die Juden sind gut, sie hat eine ungeheure Lebensenergie, sie will, sie will, sie will, sie hat Angst, denn sie wird bald sterben, sie weiß es und hat keine Ahnung, und so ließen sich Seiten füllen, und sie sagen nur das alte Lied: dem Menschen ist nicht zu helfen, aber der Dichter ist tiefer verloren. »Darum ist immer Nacht an mir / Und Sterne schon in der Dämmerung, / Und ich bin unbegreiflich meinen Freunden / Und ganz fremd geworden.«
16. 8. 42 Stark erotisches Liebesgedicht an S. Ich finde es, abgesehen von dem Menschen, der es machte, und dem, zu dem es geht, sehr kühn und schön.
20. 8. 42 Else Lasker-Schüler, in der Mittagshitze im Dunkel eines kleinen Papierladens. Sie spricht mit dem Inhaber, einem kleinen Mann über Politik –
27. 8. 42 S. hatte sich für irgendetwas mit der Begründung entschuldigt, er habe 23 Gäste. Sie sagte: »23 Gäste und nicht mich –?« Der Ton war in seiner Mischung von Schelmerei, Selbstbewußtsein, Kritik unnachahmlich.
18. 10. 42 Ich lese ihr Gedichte vor (Das blaue Meer – Im Liegen – Dazwischen – Wind.) Sie scheint aufmerksam zugehört zu haben. Von ihrem Lob ist mir in Erinnerung geblieben, meine Gedichte seien »unpersönlich«, sie müsse sich immer an jemanden wenden. […]
Sie erzählt, daß sie neulich eine Nachbarin beschimpft habe. Sie könne sich nicht beherrschen: »es spricht mich jemand laut.«
15. 11. 42 Vortragsabend. Ein reserviertes, gutwilliges aber kaum verstehendes Publikum. Sie merkt sofort die Kälte. Plötzlich unterbricht sie sich in einem Gedicht, sie könne nicht weiterlesen, sie wisse nicht, warum. Sie weiß es natürlich ganz genau. Sie liest Liebesgedichte, an S., eines davon liest sie besonders ergreifend. […]
Sie fühle sich hier nicht heimisch und fahre mit dem ersten Schiff nach dem Frieden wieder ab. Wie entsetzlich traurig ist es, sich diese alte Frau vorzustellen, immer neuen Illusionen nachjagend, ohne Freude an dem Geschaffenen und ohne Ruhe in dieser Freude, und schließlich doch in gerade Richtung auf ihr Grab zusteuernd.
Und doch sind die Liebesgedichte, die sie in der letzten Zeit gemacht hat, von hoher Schönheit, unabhängig davon, daß ich den Gegenstand dieser Liebe persönlich kenne. Ich höre dieses wiederholte »Ich liebe dich«, das sie das zweite Mal nur flüstert.
Ein Satz aus einem Prosastück, das sie vorlas, lautet etwa so, daß dem an Liebe verarmten Menschen das Herz über dem Kopfe zusammenschlage –
17. 11. 42 Sie sagt in einem Zustand sichtlicher Verwirrung plötzlich: »Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, wäre ich homosexuell.« Ein gar nicht leicht zu verstehendes Wort, das ich so deute: Sie liebt den Mann als Frau, die teilweise männlich ist. Dieses Männliche würde sie niemals zu einer Frau ziehen, es verstärkt im Gegenteil ihr weibliches Fühlen und ist die Quelle ihres Dichtertums als Fähigkeit zur Gestaltung, im Gegensatz zu dem erregten Dilettantismus weiblichen Gefühls im allgemeinen. Wäre sie ein Mann, würde sie den Mann noch weiblicher lieben können. Es handelt sich also gar nicht um Homosexualität sondern um eine besondere Spielart der Heterosexualität.
23. 11. 42 Sie schreibt eine Karte mit verstellter Handschrift, weil sie will, daß »er« an einen bestimmten Ort kommt, um einen Brief abzuholen, und erfindet dazu eine Geschichte –
1. 12. 42 Sie sagt: Ist es nicht eine Sünde, Fleisch zu essen? Ich sage, wenn man nicht Fleisch esse, habe man das Recht, denen, die Fleisch essen, ihre Sünde vorzuwerfen, esse man aber Fleisch, so habe dies keinen Sinn. Sie sagt, sie habe immer solchen Hunger und müsse achtmal am Tage an Kalbsbraten denken. Dazwischen aber sagt sie auch, jedes Bild, jedes Gedicht sei im Grunde Graphologie, und bestätigt damit meine Deutung der tiefsten Intention ihres Dichtens: als Schrift.
3. 12. 42 Gespräch über Else Lasker-Schüler. Man lacht über sie, man lobt sie, man nennt sie ein Wrack, man spricht über ihre Grobheit, über ihre Einsamkeit, daß ihr niemand helfe, daß ihr manche helfen, daß ihr nicht geholfen werden könne, von ihrer Lebensenergie, von ihren Gesichten, von ihren schönen Augen – Ich glaube, daß höchstens einer der Anwesenden von der Größe ihrer großen Gedichtstellen durchdrungen ist, aber alle fühlen, sei es auch nicht im Fühlen sondern nur im Sprechen, für kurze Zeit das unlösbare Problem des Dichters in der Zeit und nun gar der Dichterin. Sie kann nicht leben und nicht sterben, sie kann nur toben und hat den Grund vergessen, und er wird ihr nie mehr einfallen. Das Wahre und das Falsche läßt sie durch die Hand ihres Mundes gleiten, kann es nicht halten, hat nichts davon. Niemand oder fast niemand hört sie. Ich mache meine Ohren weit auf.
15. 12. 42 Sie glaubt nicht an [den] jüdischen Staat, wir seien das »Salz« oder der »Zimmet« und die könnten nicht für sich existieren –
5. 1. 43 Sie berichtet von ihrem Besuch bei H. Nicht nachzuerzählen. Es zu hören war ein Fest für Augen und Ohren. Was für Eltern haben dieses seltsame Wesen gemacht?
Sie sagt auch: Neulich war ich so traurig, daß mich niemand einladet. Da höre ich, wie Gott sagt: Ich lade dich ein. Ich saß an einem großen Tisch, neben mir saß der Engel Gabriel und reichte mir mit der Hand meiner Mutter eine Feuerspeise, das war nämlich der Plumpudding, den wir zuhause immer aßen.
22. 2. 43 S. zeigt mir ein Liebesgedicht, von einer Kühnheit des Gefühls, von einer Frische des Ausdrucks, von einer Bildkraft, die mich vor zwanzig Jahren nicht gewundert hätten aber jetzt mir als ein psychisches Wunder erscheinen. Es scheint ihr Lebensgesetz zu sein, daß in dem Maße, in dem sie häßlicher wird, verschrumpfter, greisenhafter, ihre Liebesglut ganz zu Feuer wird. Ich frage mich, ob Goethe, nicht als Staatsminister und nicht als geistiger Mensch sondern als Liebender viel anders ausgesehen hat, als er um Ulrike warb und die Trilogie der Leidenschaft machte.
14. 3. 43 Sie will einen Brief an Görings Frau schreiben, und sie bitten, etwas gegen die Judenverfolgungen zu tun, und bittet mich, ihn ins Französische zu übersetzen. Ich lehne ab. Am Schluß stehen die Worte: »Ich will jetzt in den Garten Gethsemane gehen und für Ihr Kindlein beten« – Sie beschwert sich bei S. Wir werden sehen. Sie kann morgen zu voller Feindschaft gegen mich übergehen –
16. 3. 43 Ich habe mich geirrt. W. hat ihr gesagt, ihre christlichen Nichten in Berlin könnten wegen des Briefes verfolgt werden. Sie ist beruhigt.
31. 3. 43 Vortragsabend. Von den Gedichten hat am tiefsten auf mich gewirkt Über glitzernden Kies, das letzte Liebesgedicht und vor allem ein kleines Gedicht an ihre Mutter, das etwa so lautete: Die Kerze brennt die ganze Nacht – die ganze Nacht – Mutter, liebe Mutter. // Mein Herz brennt unter dem Schulterblatt – die ganze Nacht – Mutter, liebe Mutter. Ich gebe das Ganze höchst ungenau wieder, möglich auch, daß die dazugehörigen Reime fehlen, ich halte es nicht für wichtig, denn das Gedicht wird einzig als Gedicht getragen von diesem gewaltigen Bilde des als Kerze unter dem Schulterblatt die ganze Nacht brennenden Herzens. Von den »Geständnissen« in Prosa hat mich der Satz tief berührt, der etwa so lautet: »Die wahre Treue besteht nur zwischen zwei erzürnten Freunden.« Woher hat sie das? […]
Dazwischen widerliche Albernheiten. Wie ein Schüler, der eben vom Lehrer mit Recht gelobt wurde und gerade dann etwas ganz Unerlaubtes tut, womit er sich noch tiefer bloßstellt als der schlechte Schüler, dem dieses Verhalten angemessen wäre. Aus einem kaum zulänglichen Grunde reicht sie im Publikum ihre Photographie als zehnjähriges Mädchen herum. Allerdings sieht sie wunderbar aus, ganz knabenhaft. […]
Ich glaube, wenn alle ihre Gedichte verloren gingen und nur dieses kleine Gedicht auf die Mutter bliebe erhalten, aus diesem Bilde von dem als Kerze brennenden Herzen müßte man auf einen großen Dichter schließen.
12. 5. 43 Sie sei »fertig«, fünf Minuten später liest sie mir ein – sehr schönes – Liebesgedicht vor und fragt mich, ob sie es »ihm« schicken solle.
17. 9. 43 Ich glaube, daß sie nicht mehr lange leben wird und daß sie es fühlt. Sie war in einer besonderen Weise verworren, sprach plötzlich von ihrem Testament […]. Einmal wußte ich nicht genau, so schnell sprang sie vom einen zum andren, ob sie Tat oder Tod gesagt habe, es handelte sich aber um zwei andere Worte, welche ich leider vergessen habe. Ich war selbst sehr müde und schläferte etwas.
15. 11. 43 Ich komme zu ihr, morgens um 1/211Uhr. Schmutz in ihrem Zimmer. Sie muß alles allein machen. Sie schimpft schrecklich auf ihre Wirtin, auf die Juden, auf alles. Kocht sich ein Ei. Will es im Stehen essen. Ich sage, sie soll einen Stuhl nehmen, ich könne nicht sitzen, wenn sie steht. Wird ärgerlich auf mich, tut es aber. Sie hat Kakao gekocht, nimmt den Topf und läßt ihn auf die Erde fallen. Schimpft auf mich, weil sie immer denken müsse, daß ich ihr etwas sage. Ich will gehen. Sie läuft mir nach. »Sie sehen mich nicht wieder, wenn Sie jetzt gehen!« Ich bleibe. Später gehe ich doch. Sie ist einverstanden. Warum erzähle ich das alles? Weil ich ihre Lage so spüre, daß mir die Haut schaudert. So kann es allen gehen, so kann es auch mir gehen. Es gibt keine Hilfe, aber wenn ich Gift hätte und sie wollte es haben, ich glaube, ich würde es ihr geben. Noch ein paar herrliche Gedichte, gewiß. Aber der Preis, den sie dafür zahlt, ist zu hoch. Vielleicht hätte ich gegen jeden Widerspruch ihr helfen müssen, das Zimmer sauber zu machen, den Fußboden aufzunehmen usw. Ich fühlte mich zu schwach dazu, den Kampf mit ihr aufzunehmen.
25. 11. 43 Sie habe an ihrem Dichten kein Interesse mehr. Ich: das komme wieder. Sie: ja, wie auf dem Bahnhof, ich warte darauf. Dann: Dichten sei ein blauer Zustand, Seligkeit, die andern seien ihr gleichgültig. Die ungeheuerliche Ungerechtigkeit ihres Verhaltens empörte mich so, daß mir ein imaginairer Dialog vorschwebte, in dem ich ihr meine Meinung sagte: über sie, über die Funktion der Dichtung.
13. 8. 44 » Ich weiß K. K. ein großer Mensch. Schrieb er auch schön von meinen Versen, so hätten sich unsere Dichtungen [doch] nie verlobt. Lyrik, schrieb ich mal, ist zaubern können!! Mit Gedanken nichts zu tun, das Wort wird plötzlich eine Königin oder ein Fürst. Man trägt eine Krone.« So über meinen Vortrag und über die Theorie des Gedankens bei Karl Kraus. Sie hat nichts verstanden, hat aber ihre Auffassung von Lyrik prachtvoll ausgedrückt. Mündlich fügte sie noch hinzu, indem sie einen ihrer Verse zitierte – »Entblättert ist mein Sinn« –, Lyrik müsse »kosmisch« sein. Das Bild statt der Lyrik ist ein archaisches Prinzip, das ihre große Lyrik von innen her zertrümmert. Hierzu paßt gut, was Sb. erzählt: sie sei mit W. irgendwo draußen, in der Natur, gewesen, und plötzlich habe sie gesagt: »Ja, es ist schön, aber was soll ich hier? Ich bin doch kein Schaf!« Und zurück ins Café. Sie lehnt die Identifikation mit dem »Schaf« ab. Sie kann sich nur mit Unwirklichem, Ungesehenem, Sprachlichem indentifizieren und ahnt nicht, wie gedanklich, wie abstrakt ihr eigenes Dichten gerade aus diesem Grunde ist.
Ars amandi.– Ich sah sie neulich im Café. Sie ist schon sehr verfallen, dazwischen kreuzvergnügt, spricht immer von S., will von ihm nur Gutes über sie wissen. Ich sage es zu zögernd, in zu kleinen Dosen, zu wahrheitsliebend. Am Schluß sagt sie: »Wissen Sie, man kann nichts dazu, so ist es eben mit der Liebe, lieber hätte ich mich in Sie verliebt, ist es gut?«
20. 11. 44 Sie sagt: »Ich bin ja ein Teufel, aber ein Gedicht, das ist wie eine Engelwerdung.« Sie sagt auch: »Gott ist kein Spießer.«
Mein letztes Gespräch mit der Dichterin am 9. Januar [notiert unmittelbar nach dem 22.Januar 1945 ]: Sie ist in einem Zustand unbeschreiblicher Zerrüttung, aus Wut auf die Menschen, die sie überleben werden, aus Angst vor dem Tode. Sie sagt immer wieder, sie habe einen Gedanken, den sie nicht loswerden könne. Ich frage nicht, welcher Gedanke dies sei. Es ist aber ein erotischer Gedanke und zugleich der an den Tod. Sie ist unflätig. Es gelingt mir, sie auf Literarisches zu bringen. Ich frage sie, ob sie Gedichte gemacht habe. Sie sagt, warum. Ich sage ihr, sie habe keine Ehrfurcht vor sich selbst. Sie will den »Kraal« [ihren Literaturzirkel] fortsetzen. Sie fragt mich, ob wir nicht einen Club gründen wollen. Ich schlage einen Club der Unsterblichen vor, mit Goethe, Schiller, Karl Kraus als Mitgliedern, in dem Goethe ihre Gedicht vortrage. Sie sagt: »Was sind wir doch für arme Kinder!« Ich rühme ihre Gedichte. Sie trinkt das Lob wie der Säugling die Milch. Ich definiere ihr die Liebe als die Verwirklichung des Unmöglichen. Sie ist begeistert. Sie ist getröstet. Sie steht auf. Sie bedankt sich. Ich gehe. Nun ist sie tot.
Mit Dank an Friedrich Pfäfflin, Marbach, und Volker Kahmen, Rheinbach. © Volker Kahmen. Die neue Ausgabe der Werke und Briefe Else Lasker-Schülers im Jüdischen Verlag/Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., ist fast abgeschlossen. Von Werner Kraft erschien zuletzt sein Briefwechsel mit Curd Ochwadt (»Zwischen Jerusalem und Hannover«; Wallstein Verlag, Göttingen 2004; 304 S., 32,– €)
»Ich suche allerlanden eine Stadt, / Die einen Engel vor der Pforte hat. / Ich trage seinen großen Flügel / Gebrochen schwer am Schulterblatt / Und in der Stirne seinen Stern als Siegel!« Magisch, halb in Traum getaucht, sind viele Verse von Else Lasker-Schüler, und als eine karawanische Reise in den Traum hat sie auch ihr Leben begriffen – zwischen Elberfeld, wo sie 1869 in einem gutbürgerlichen Elternhaus zur Welt kam, Berlin, der langjährigen Heimat, und »Theben«, dem Märchenort ihrer Gedichte. Von den Nazis geschmäht und verfolgt, musste sie 1933 fliehen; am 22.Januar 1945 ist sie, deren Name heute in jedem Lesebuch steht, in Jerusalem gestorben. Hier, im »Hebräerland«, fand sie ihre letzte große – unerwiderte – Liebe, den über 30 Jahre jüngeren Pädagogen Ernst Simon (»S.«). Und hier traf sie den Publizisten und Lyriker Werner Kraft (1896 bis 1991) wieder, der aus Hannover nach Palästina geflohen war. In seinem Tagebuch beschreibt er seine Begegnungen mit der Dichterin, gebannt von ihrem Lebensmut, ihrer Sterbenswut, ihrer poetischen Kraft. Unser Auszug folgt der Transkription Volker Kahmens für das »Marbacher Magazin« Nr. 71/95.
B.E.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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