tagebuch Gott ist kein SpießerSeite 10/10

Mein letztes Gespräch mit der Dichterin am 9. Januar [notiert unmittelbar nach dem 22.Januar 1945 ]: Sie ist in einem Zustand unbeschreiblicher Zerrüttung, aus Wut auf die Menschen, die sie überleben werden, aus Angst vor dem Tode. Sie sagt immer wieder, sie habe einen Gedanken, den sie nicht loswerden könne. Ich frage nicht, welcher Gedanke dies sei. Es ist aber ein erotischer Gedanke und zugleich der an den Tod. Sie ist unflätig. Es gelingt mir, sie auf Literarisches zu bringen. Ich frage sie, ob sie Gedichte gemacht habe. Sie sagt, warum. Ich sage ihr, sie habe keine Ehrfurcht vor sich selbst. Sie will den »Kraal« [ihren Literaturzirkel] fortsetzen. Sie fragt mich, ob wir nicht einen Club gründen wollen. Ich schlage einen Club der Unsterblichen vor, mit Goethe, Schiller, Karl Kraus als Mitgliedern, in dem Goethe ihre Gedicht vortrage. Sie sagt: »Was sind wir doch für arme Kinder!« Ich rühme ihre Gedichte. Sie trinkt das Lob wie der Säugling die Milch. Ich definiere ihr die Liebe als die Verwirklichung des Unmöglichen. Sie ist begeistert. Sie ist getröstet. Sie steht auf. Sie bedankt sich. Ich gehe. Nun ist sie tot.

Mit Dank an Friedrich Pfäfflin, Marbach, und Volker Kahmen, Rheinbach. © Volker Kahmen. Die neue Ausgabe der Werke und Briefe Else Lasker-Schülers im Jüdischen Verlag/Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., ist fast abgeschlossen. Von Werner Kraft erschien zuletzt sein Briefwechsel mit Curd Ochwadt (»Zwischen Jerusalem und Hannover«; Wallstein Verlag, Göttingen 2004; 304 S., 32,– €)




»Ich suche allerlanden eine Stadt, / Die einen Engel vor der Pforte hat. / Ich trage seinen großen Flügel / Gebrochen schwer am Schulterblatt / Und in der Stirne seinen Stern als Siegel!« Magisch, halb in Traum getaucht, sind viele Verse von Else Lasker-Schüler, und als eine karawanische Reise in den Traum hat sie auch ihr Leben begriffen – zwischen Elberfeld, wo sie 1869 in einem gutbürgerlichen Elternhaus zur Welt kam, Berlin, der langjährigen Heimat, und »Theben«, dem Märchenort ihrer Gedichte. Von den Nazis geschmäht und verfolgt, musste sie 1933 fliehen; am 22.Januar 1945 ist sie, deren Name heute in jedem Lesebuch steht, in Jerusalem gestorben. Hier, im »Hebräerland«, fand sie ihre letzte große – unerwiderte – Liebe, den über 30 Jahre jüngeren Pädagogen Ernst Simon (»S.«). Und hier traf sie den Publizisten und Lyriker Werner Kraft (1896 bis 1991) wieder, der aus Hannover nach Palästina geflohen war. In seinem Tagebuch beschreibt er seine Begegnungen mit der Dichterin, gebannt von ihrem Lebensmut, ihrer Sterbenswut, ihrer poetischen Kraft. Unser Auszug folgt der Transkription Volker Kahmens für das »Marbacher Magazin« Nr. 71/95. B.E.

 
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