Verkitschung des Holocaust
Zum 60. Jahrestag der Auschwitzbefreiung: Der Stand der amerikanischen Gedenkkultur
Ich gehöre zu einer Generation von Amerikanern, deren Eltern – Männer und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg kämpften oder ihn miterlebten – sich aus Prinzip weigerten, einen Volkswagen zu kaufen. Ich erinnere mich noch, dass mir als kleines Mädchen verboten wurde, eine damals modische Jacke aus grünem Wollstoff mit Knebelverschlüssen zu kaufen, entweder weil sie in Deutschland hergestellt war oder, was wahrscheinlicher ist, weil meiner Familie irgendetwas daran ärgerlich tirolerisch oder bayerisch vorkam.
Das hat sich natürlich alles geändert. Im Laufe der Zeit setzte sich eine komplexere Sicht der Geschichte und (von Daniel Goldhagen einmal abgesehen) eine nuanciertere Perspektive auf Schuld und Verantwortung durch. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als ich gerade erwachsen wurde, avancierte der umgebaute und neu bemalte Volkswagen-Kleinbus in der Alternativszene sogar zum Transportmittel der Wahl.
Und doch blieb die Erinnerung an den Holocaust im Allgemeinen und an Auschwitz im Besonderen lebendig. Als amerikanische Schulkinder lasen wir Das Tagebuch der Anne Frank . Als Collegestudenten sahen wir Alain Resnais’ Film Nacht und Nebel. Als junge Erwachsene lasen wir Primo Levi, bewunderten die fast wissenschaftliche Genauigkeit, die Eloquenz und Klarheit, mit der er das Unvorstellbare heraufbeschwor, die kühle und dennoch leidenschaftliche Brillanz, mit der er seine persönliche Erfahrung wie eine Linse benutzte, durch die er menschliches Verhalten unter den entwürdigendsten Bedingungen betrachtete.
In den 60 Jahren seit der Befreiung ist Auschwitz einerseits zu einem Warnsignal, andererseits zu einem Wegweiser geworden, einem Echolot, das den Tiefpunkt der Moral, ja der Geschichte ortet. Es zeigt an, wie tief der Mensch in seiner Bereitschaft, anderen Menschen Schmerz zuzufügen, sinken kann. Der Name Auschwitz ist Mahnung und Mysterium zugleich, eine Abbreviatur für das Rätsel des Bösen. Die Warnung aber, die er beinhaltet, hat dazu beigetragen, unser politisches Bewusstsein zu schärfen. Die Enthüllungen der Nürnberger Prozesse inspirierten die Genfer Konvention von 1949, die eine menschenwürdige Behandlung von Kriegsgefangenen einfordert. Auch die internationale Menschenrechtsbewegung, Organisationen wie Human Rights Watch und amnesty international verdanken sich zum Teil der Erinnerung an Auschwitz. Den Genozid hatte es lange vor Auschwitz gegeben, doch erst danach wurde er von den Vereinten Nationen zu einem Verbrechen im Sinne des Völkerrechts erklärt, erst danach drang der Begriff in das Bewusstsein all jener, die das Glück gehabt hatten, nicht zu den Opfern zu gehören.
Mehr noch als das Menetekel aber hat das Mys-terium Auschwitz die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht ein neues Buch oder eine Kunstausstellung der Frage nachspürt, in welcher Form die europäischen Emigranten, die vor Hitler geflüchtet waren, unsere Kultur geprägt haben, und der kritische Blick einiger unserer größten Maler (unter ihnen Philip Guston) wurde erst dadurch geschärft, dass sie sich die Schrecken der Konzentrationslager bewusst machten. Ungeachtet des häufig zitierten (und nicht weniger häufig missverstandenen) Adornoschen Diktums von der Unmöglichkeit des Schreibens nach Auschwitz ist der Holocaust geradezu ein zwingendes Thema – nicht nur für amerikanisch-jüdische Schriftsteller wie Bernard Malamud und Philip Roth, sondern auch für viele andere, etwa William Styron. Die Faszination hält auch unter jüngeren Autoren wie Jonathan Safran Foer an, dessen Bestseller Alles ist erleuchtet von einem jüdischen Amerikaner handelt, der versucht, die Lücken zu schließen, die der Holocaust in seine Familiengeschichte gerissen hat.
Für viele Schriftsteller, und dazu zähle ich auch mich, war Auschwitz die Mauer, gegen die wir stets anrannten, der Felsblock, um den wir nicht herumkamen, sobald wir über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft nachdachten. Ich hatte nie vor, über den Holocaust zu schreiben – das Thema schien zu überfrachtet, zu gewaltig, zu einschüchternd –, dann aber schrieb ich doch Guided Tours of Hell, eine Novelle über eine Gruppe von Amerikanern, die als Literaturtouristen eine Fahrt nach Theresienstadt unternehmen. Meine neueste Erzählung, A Changed Man, beschäftigt sich damit, was passiert, wenn ein geläuterter junger Neonazi freiwillig in einer Stiftung für Menschenrechte arbeitet, die von einem charismatischen Holocaust-Überlebenden geleitet wird.
Es gibt keine Erlösung von Auschwitz, keine moralisch »bessernde« Lektion, die das Leiden der dort Umgekommenen aufwiegen könnte. Ein schwacher Trost lag jedoch immer in der Symbolkraft von Auschwitz, in der Warnung, so etwas nie wieder zuzulassen. Meine Generation hat von Kindesbeinen an gehört, wie wichtig das Erinnern, das Gedenken und die präventive Wirkung historischer Aufzeichnung ist. Wir glaubten beinahe, Auschwitz sei der Impfstoff, der unsere Welt gegen die Wiederkehr des Bösen immunisieren könnte.
Aber wie sich herausstellt, ist das Problem nicht das Erinnern an sich, sondern mangelnde Information und fehlgeschlagene Erziehung. Denn die Wirksamkeit des moralischen Impfstoffes kann durch die Art, wie Geschichte gelehrt wird, geschwächt werden. Regelmäßig hören wir Umfrageergebnisse, nach denen ein erschreckend hoher Prozentsatz amerikanischer Schüler keine Vorstellung davon hat, was der Holocaust war. Und soeben überträgt das Radio die Meinungen von Hörern und »Experten« zum Verhalten des britischen Prinzen Harry, der sich für eine Kostümparty als Nazi verkleidete, inklusive der Armbinde mit dem Hakenkreuz. Es wurde vorgeschlagen, der Prinz solle die britische Delegation zu den Gedenkfeierlichkeiten nach Auschwitz begleiten. Doch warum den Prinzen tadeln? Warum annehmen, dass seine Erziehung einen Deut besser gewesen sei als die irgendeines anderen 20-Jährigen?
Die Teilnehmer der Radiodiskussion sind sich einig, dass der allgemeine Mangel an historischer Bildung eine weit verbreitete Unwissenheit erzeugt hat, die wiederum zu einer »Verkitschung« des Holocaust führt. Das aber ist tragisch – nicht allein mit Blick auf die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart und die Zukunft. Die neuesten Nachrichten lassen vermuten, dass die Lehren aus Auschwitz langsam verlernt werden. Da wird den Amerikanern plötzlich eingeredet, dass es in ihrem Land ganze Kategorien von Gefangenen gebe, für die die Genfer Konvention nicht gelte, dass Folter gar nicht so schlimm sei, wie wir vielleicht gedacht haben, dass die Miss-handlungen in Guantánamo und Abu Ghraib einen praktischen Zweck hatten. Wir sind dabei, einen Justizminister im Amt zu bestätigen, der eine bemerkenswert dehnbare Auffassung von den Grenzen zwischen Verhör und Folter hat. Wir lesen immer mehr Interviews, in denen gewöhnliche Amerikaner die Menschenrechte als ein Anliegen feiger, rückgratloser Liberaler abtun, die zu eingeschüchtert sind, um einen festen Standpunkt zu beziehen und unsere nationale Sicherheit zu verteidigen. Sogar diejenigen, die Auschwitz noch erlebt haben, fangen an, beunruhigende Vergleiche zu ziehen zwischen der Weimarer Republik und der Art und Weise, wie die amerikanische Gesellschaft sich verändert. Der Historiker und Emigrant Fritz Stern warnte jüngst in der New York Times vor den »moralischen Gefahren der Vermischung von Religion und Politik«, einer Gefahr, die im Vorkriegsdeutschland deutlich sichtbar war und die in den Vereinigten Staaten heute eine große Bedrohung darstellt.
Vielleicht ziehen wir nun andere Lehren aus Auschwitz als bisher. Erstens merken wir, falls wir es immer noch nicht wussten, dass alle Menschen – nicht nur Deutsche, Türken und Ruander, sondern auch Amerikaner – der schrecklichsten Brutalität fähig sind. Zweitens entdecken wir, dass das, was wir nie vergessen dürfen, weder ein bestimmter Ort noch ein bestimmtes Ereignis ist, sondern die Fragilität des Erinnerns selbst sowie die daraus sich ergebende Rolle der Erziehung. Das müssen wir uns stets vergegenwärtigen: wie viel Anstrengung nötig ist, um Auschwitz nicht zu einem jener Themen werden zu lassen, die – wie die Altsprachen oder die englische Grammatik – nur noch gelegentlich gelehrt werden und nur von einer Hand voll Privilegierter studiert.
Die amerikanische Schriftstellerin Francine Prose lebt in New York. Zuletzt erschien der Essayband »Das Leben der Musen« bei Nagel & Kimche
Aus dem Englischen von Karin Wördemann
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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