Bücher für alle

Zum ersten Mal seit Goethes Zeiten sind die Bestände der Anna Amalia Bibliothek an einem Ort. Nächste Woche wird das neue Studienzentrum eröffnet

Eigentlich müsste es ein Fest sein in diesen mageren Zeiten. Allenthalben kämpft noch die kleinste Stadtteilbücherei ums Überleben, da wird hier, in Weimar, im Jammertal Ost, eine einzigartige Großbibliothek eröffnet. Mehr als ein Jahrhundert lang haben Generationen von Bibliothekaren für sie gekämpft, jetzt ist sie endlich fertig, mit der Eröffnung am 4. Februar liegt man ebenso exakt in dem Mitte der 1990er Jahre beschlossenen Plan wie mit den Finanzen: 23,8 Millionen Euro. »Eigentlich müssten wir luftspringerisch vor Freude sein«, sagt Michael Knoche. Er hat seinen Schreibtisch, einen Holzmustertisch von 1800 mit winzigen Probetäfelchen von 500 verschiedenen Hölzern, bereits in das neue Büro geräumt. Und doch drückt den Direktor der idealen Bibliothek etwas schwer in seinen Biedermeierstuhl. »Es bleibt ein Stachel.«

Als wollte er sich diesen Stachel noch tiefer ins Fleisch bohren, hat er ein riesiges Bild in schlichtem Holzrahmen an die Wand des Zimmers gelehnt. Es zeigt, in der überirdischen Klarheit von zehn Minuten Belichtungszeit, den Rokoko-Saal der Anna Amalia Bibliothek, aufgenommen im August 2004. Candida Höfer hat es gemacht, die Fotografin, die berühmt geworden ist mit ihren Innenansichten aus den Tempeln der Bibliophilen. Wenige Wochen später, in der Nacht vom 2. auf den 3. September, hat ein Feuer den Saal ruiniert, 50000 wertvolle Bücher zerstört, mehr als 60000 nahmen durch Löschwasser Schaden. Die Fotografin hat ihre Aufnahme der Bibliothek und deren Direktor Knoche überlassen, damit sie es verkaufen und vom Erlös Bücher restaurieren können. Noch hat sich kein Interessent gefunden. Also lehnt es weiter als Menetekel in Michael Knoches neuem Zuhause.

Freihandbereich mit 100 000 Bänden, Dienstleistungsoffensive bis 21 Uhr

Bei dessen Besichtigung hellt sich des Direktors Stimmung merklich auf. Schon kennt er alle Wege und Schleichwege durch den verwinkelten Komplex, ein Ensemble aus drei historischen und einem neuen Gebäude, die wie ein krumm geschnittenes Tortenstück gegenüber dem Weimarer Schloss und dem Stammhaus der Anna Amalia liegen. Studienzentrum wird es bescheiden genannt, in Wahrheit entsteht durch die Erweiterung eine neue Bibliothek. Den Kern bilden das so genannte Rote und das Gelbe Schloss, Witwensitze für Dorothea Susanna und Charlotta Dorothea Sophie, zwei Fürstinnen des 16. und 17. Jahrhunderts. Zuletzt residierte hier die Weimarer Verwaltung, ehe die Gebäude für überteuerte 5,5 Millionen Mark von der Stadt an die Stiftung Weimarer Klassik verkauft wurden.

Schon um 1630 waren im Roten Schloss, das heute graugrün gestrichen ist, die fürstlichen Bücher untergebracht. »Das ist typisch für Weimar«, sagt Knoche, »die historischen Zusammenhänge bleiben erkennbar.« Auf 13000 Quadratmetern sind nun die bislang auf die ganze Stadt verteilten Bestände vereint – zum ersten Mal seit der Goethe-Zeit. Eine unabhängige Forschungsbibliothek, insbesondere für die deutsche Literatur zwischen 1750 und 1850, ist die Anna Amalia. Bislang gab es aber nur 30 Leseplätze, und wer ein Buch bestellte, musste einen Tag lang warten, bis es aus einem der Außendepots herbeigeschafft wurde. Moderne Wissenschaft war hier schwer zu betreiben. Im neuen Haus gibt es 130 Plätze, und es dauert nur noch 25 Minuten, bis selbst ein historisch wertvolles Buch aus dem neuen zweistöckigen Tiefmagazin unter dem Platz der Republik herbeigeschafft ist. Auch die Fotothek mit 150000 Bildmotiven und diverse andere Medien können nun endlich richtig genutzt werden.

Knoches ganzer Stolz ist der neue Freihandbereich mit 100000 Bänden. Normalerweise kann es sich niemand leisten, einen solchen für alle Nutzer zugänglichen Teil neu aufzubauen. Zu aufwändig ist allein das Verfahren, die richtigen Bücher dafür aus dem Gesamtbestand auszuwählen, neue zu beschaffen, sie zu katalogisieren und den unsichtbaren Sicherheitsstreifen für die Kontrolle an den Ausgängen einzukleben. Ein Mensch allein würde daran 30 Jahre lang sitzen, schätzt der Direktor. Doch mit Dritt- und Sondermitteln vom Bund und der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist es gelungen, und so konnte Knoche auch das neue Prunkstück der Bibliothek angemessen füllen: den Kubus im Zentrum des Ensembles, einen Neubau der Architekten Barz, Rittmannsperger, Schmitz, der sich über mehrere Stockwerke zieht, helle Regale aus Ahorn an jeder Wand, ein Hieronymussches Gehäuse, durch dessen Glasdach der Himmel über Weimar blickt.

Ursprünglich wollten die Architekten ihn komplett unter die Erde verlegen; Bücherei – damit assoziierten sie klösterliche Abgeschiedenheit. Aber Knoche wollte Offenheit. Geschickt gesetzte Aus- und Durchblicke verleihen dem Häuserpuzzle nun Transparenz und Großzügigkeit; selbst im größtenteils unterirdischen »Lesesaal Park« geben schießschartenartige Fenster den Blick frei auf die Bäume entlang der Ilm. Programmatisch auch die neuen Öffnungszeiten: von 9 bis 21 Uhr. Eigentlich wären dafür sieben neue Stellen nötig, die es natürlich so wenig gibt wie angemessene Mittel für Neuanschaffungen. Zudem ist der Krankenstand immer noch außergewöhnlich hoch – nicht jeder Mitarbeiter hat die Katastrophe vom vergangenen Herbst so gut weggesteckt wie Knoche, der sich selbst von anonymen Morddrohungen und Debatten über ihn im Stiftungsrat nicht erkennbar aus der Ruhe bringen lässt. Aber egal, wie knapp das Personal ist – die »Dienstleistungsoffensive« müsse sein, dann haben eben andere Dinge zu warten. In Zukunft rechnet der Direktor mit 7000 Benutzern pro Jahr – dreimal so vielen wie bisher.

Sie können sich frei durch diese einzigartige Bücherlandschaft bewegen; ein unterirdischer Weg führt auch zum Stammhaus der Anna Amalia, dem Grünen Schlösschen, das heute – verwirrende Weimarer Farbenspiele – weiß und seit 1766 Bibliothek ist. Leuchtend gelb markiert ist der Gang zu jenem Schatzhaus der Weimarer Klassik, in dem Goethe lange Zeit die Oberaufsicht hatte. Aber noch versperrt eine schnöde Baustellentür den Zugang zum Allerheiligsten.

Seltsam unversehrt wirkt das Gebäude von außen, nur ein Stück vom Dach fehlt. Das soll der größte deutsche Bibliotheksbrand der Nachkriegszeit gewesen sein?, fragt sich mancher Weimar-Besucher und blickt verwundert an dem Gerüst hoch, das ein Notdach aus Stahlblech und Bläschenfolie trägt. Doch im Inneren ist vom ganzen Prunk kaum mehr als ein trostloses Skelett übrig geblieben. Direkt unter den unscheinbaren Schindeln war ja nicht einfach ein Speicher, sondern die 2. Galerie der Bibliothek, prachtvolles Rokoko, erzeugt mit einfachsten Mitteln: viel Holz, viel Gips, dazu weiße Farbe und Blattgold. Die Galerie ist komplett verbrannt; jetzt liegen hier nur viele Lagen gelber Dämmstoff, damit das Haus nicht auskühlt und besser trocknet.

Im Saal darunter haben 384000 Liter mit Ruß und Farbe gesättigtes Löschwasser überall schmutzige Trauerränder hinterlassen. Ein aufgesprühter Notverband hält die Gipsdecke der 1. Galerie zusammen. Der Boden ist komplett herausgerissen, die historischen Bretter liegen irgendwo außerhalb zum Trocknen. So nackt hat niemand mehr das Gebäude seit seiner Erbauung vor 450 Jahren gesehen. Sogar den Lehm zwischen den gemauerten Kreuzgewölben im Erdgeschoss und den roh behauenen Balken darüber hat man herausgepult, damit alles besser trocknen kann. Bei dieser Notoperation wurden gleich noch alte Gebrechen entdeckt, Schimmel und Schwamm. Im Bauch des Hauses, dort, wo vor dem Brand der Lesesaal war, brummt eine Lkw-große Klima-Anlage; ein Geflecht von Röhren und Schläuchen fingert sich von hier aus durchs ganze Haus und versucht, noch in den letzten Winkel zu pusten. Jetzt sieht man erst, wie abenteuerlich dieser Saal zusammengeschustert ist.

Bis 2007 soll hier ein »Zentrum für das alte Buch« entstehen, mit einem Ausstellungsraum im Erdgeschoss, der Restaurierungsabteilung, einem neuen Sonderlesesaal für all die wertvollen Handschriften, Drucke, Karten im neuen Dachgeschoss und dem res-taurierten Rokokosaal im Zentrum. Erst dann ist die neue Anna Amalia Bibliothek wirklich vollendet, dann sollen hier auch wieder 100000 Bücher stehen, ausgewählt aus dem Gesamtbestand von über einer Million Bänden, ein historisches Ensemble, neu komponiert. Denn es wird 20 Jahre dauern, bis der beschädigte Originalbestand vollständig repariert oder ersetzt ist.

»Wir brauchen Zeit, ein vernünftiges Konzept und dauerhafte Methoden«, sagt Matthias Hageböck, der Chefrestaurator der Bibliothek. Rund 8000 Bücher sind inzwischen von der ersten Notfallversorgung im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung (ZfB) zurück; im Außendepot Carlsmühle dünsten sie einstweilen ihren Brandgeruch aus. Aber inzwischen sind auch schon mehr als 8 Millionen Euro für die Restaurierung der Bücher gespendet worden. Das ist zwar nur ein Bruchteil des geschätzten Gesamtbedarfs von 47 Millionen Euro, aber die Spender wollen Ergebnisse sehen, alte Bücher wie neu. Publikumswirksam sind viele Bücher vom ZfB mit Mull verbunden worden, das Bild der papiernen Patienten ging durch die Medien. »Natürlich hätte man die anders zusammenbinden können«, sagt Hageböck, »aber auch das ZfB weiß, wie man mit Symbolen ums Überleben kämpft.« Schon buhlen freie Restauratoren »wie die Aasgeier« um Aufträge, aber Hageböck fürchtet nichts so sehr wie das »schnelle Kaputtrestaurieren« der Bücher.

Niemand weiß, was im Löschwasser enthalten war. Vielleicht sogar Säure

Er und seine Mitarbeiter, deren Zahl demnächst verdoppelt werden soll, sind erst bei der Bestandsaufnahme. Der Restaurator hat ein vielteiliges Formular entwickelt, mit dem jedes Buch und jeder Schaden genau erfasst werden kann, von Brandspuren über Verklebungen und grotesk geschrumpfte Ledereinbände bis zu Wasserflecken. Sogar die haben es buchstäblich in sich, denn niemand weiß genau, was im Löschwasser eigentlich drin war. Ein Gutteil kam in jener katastrophalen Septembernacht direkt aus der Ilm, die hinter dem Haus fließt. Was, wenn da zufällig gerade jemand illegal irgendeine Säure verklappt hat? Erst Ende des Jahres wird Hageböcks Schadensbilanz vollständig sein.

Im Juni soll ein internationales Symposium helfen, die richtigen Methoden für die Restaurierung zu finden; selbst bei den offiziell schon als »verbrannt« gemeldeten Büchern hat Hageböck die Hoffnung noch nicht vollständig aufgegeben. Viel verspricht er sich von einem schwedischen Kollegen, in dessen Bibliothek es 1996 gebrannt hat. Der hat Ledereinbände mit einer Latexlösung wieder weich bekommen, aber werden die eigenbrötlerischen Restauratoren auch alle ihre kleinen Geheimnisse bereitwillig teilen? Und wer wird die Arbeiten schließlich übernehmen? Aufträge in dieser Größenordnung müssen EU-weit ausgeschrieben werden, »das ist ein unglaublicher Stress«. Schon jetzt gibt es Angebote aus Polen, einen Ledereinband für 80 Euro zu restaurieren. »Ein absoluter Dumpingpreis«, sagt der Restaurator, »hierzulande kann so etwas 1000 Euro kosten.« Aber ist die Leistung auch wirklich vergleichbar?

Im Moment quält sich Matthias Hageböck mehr mit einem anderen Vergleich. Auch er hat gerne von seinen Büchern als Patienten geredet. Doch wenn er jetzt mit den Zahlen jongliert, 40000, 60000, muss er unwillkürlich an die Opfer der Flutkatastrophe in Asien denken. »Dort geht es um Menschenleben, bei uns geht es doch nur um Bücher.« In dieser Situation täte der Bibliothek Bescheidenheit gut, findet er. Auch wenn sie am 4. Februar einen der glanzvollsten Tage ihrer Geschichte begehen kann.

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