Gedenken Wie weit weg liegt Auschwitz?Seite 3/3

Moralisch, meint Joachim Fest, der Hitler-Biograf und Verfasser des Buchs über das Kriegsende in der Reichskanzlei, das dem Untergangs- Film zugrunde liegt, moralisch werfe der Nationalsozialismus überhaupt keine Fragen auf und halte auch keine Lehren bereit – dass man unschuldige Menschen nicht töten dürfe, verstehe sich von selbst, und wer das nicht begreife, dem sei auch durch die Erinnerung an den Holocaust nicht zu helfen. Die Lehren aus dem Nationalsozialismus seien politisch, dass man der Diktatur früh entgegentreten müsse, vor ihrer Errichtung, durch Festigkeit des liberalen Verfassungsstaats, und anthropologisch: Der Mensch ist nicht gut, jedenfalls nicht nur gut, das Eis der Zivilisation ist dünn.

Fest hat wohl Recht mit der moralischen Selbstverständlichkeit, aber das ändert nichts daran, dass die Zeugnisse dieser Zeit zum Gewissen der Nachgeborenen sprechen. Wer sich umhört, findet viele, sehr viele Geschichten von jugendlicher Erschütterung über die Schicksale der Anne Frank oder der Geschwister Scholl, und die Erwachsenen, die heute davon erzählen, reden darüber oft, als wäre es gestern gewesen. Hier gibt es dann doch etwas, was den periodisch ausbrechenden Vergangenheitsdebatten und dem medialen Verschleiß widersteht. »Für mich als Dreizehnjährigen war das Tagebuch der Anne Frank das Erweckungserlebnis politischer Empathie«, sagt Ulrich Matthes, der Goebbels aus dem Untergang und Priester aus dem Neunten Tag, und auf die Frage, warum man junge Leute mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit seinen Opfern bekannt machen solle: »Es ist wichtig, welche frühen großen Eindrücke das Herz bekommt.«

Anzeige
 
Service