Hochschule
Die Befreiung der Universitäten
Nicht das Schielen auf die Wirtschaft bringt die Hochschulen voran, sondern der Wettbewerb um staatliche Forschungsmittel
In Deutschland ist derzeit viel von Universitätsreform die Rede. Was sich in Wirklichkeit abspielt, hat mehr die Züge einer Reformation, insbesondere der Befreiung der Universität von dem, was Adolf Theis, ehemaliger Präsident der Universität Tübingen, Mitte der neunziger Jahre als das »Behördenmodell« der Hochschulen bezeichnete.
Noch hat sich der Staat nicht auf rechtliche Aufsichts- und auf finanzielle Gewährleistungsfunktionen zurückgezogen. Aber so reale Chancen zur Erneuerung des Systems gab es noch nie, seit ich die deutsche Hochschulpolitik von »draußen« beobachte, also seit immerhin vierzig Jahren. Man muss begrüßen, dass fast alles zur Diskussion zu stehen scheint: von Lehrplänen bis zu Universitätsgebühren, von der Forschungsqualität bis zu Leitungsstrukturen. Der Kompetenzstreit zwischen Bund und Ländern um die Bildungspolitik, insbesondere die Hochschulpolitik, in der Föderalismuskommission ist ein Indiz für die politische Brisanz der Sache.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass das Bundesverfassungsgericht »Niveaupflege« an Universitäten für unzulässig hielt. Jetzt scheint so gut wie jeder dafür zu sein. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein Spruch die Runde machte, der lautete: »Die Begabten haben ja eh schon alle Vorteile, die soll man nicht besonders fördern.« Jetzt scheint so gut wie jeder für die Begabtenförderung einzutreten, wenn dies auch unglücklicherweise vor allem unter dem mehrdeutigen Etikett »Elitenbildung« geschieht. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses wird ernst genommen (etwa mit der Gründung von Graduiertenschulen), und die Strukturen der Universität werden verändert, um den Jüngeren bessere Möglichkeiten zu bieten.
In der gegenwärtigen hochschulpolitischen Diskussion der Bundesrepublik werden amerikanische Beispiele häufig zitiert und positiv oder negativ in Anspruch genommen. Viele der Vergleiche und Kommentare sind eher irreführend.
So scheint mir etwa die Konzentration der deutschen Medien auf die so genannten privaten Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten nicht besonders fruchtbar zu sein. Diese beruhen auf Traditionen einer Bürgergesellschaft, der Eigeninitiative und Philanthropie, die nicht leicht transferierbar sind. Die Unterschiede schließen jedoch nicht jede Rezeption aus.
Die beste öffentliche Universität der Welt ist die University of California, insbesondere deren Berkeley Campus. Andere Universitäten der amerikanischen Einzelstaaten wie etwa Michigan oder Texas genügen strengen Ansprüchen in Forschung und Lehre. Sie besitzen eine höhere Vergleichbarkeit, was Erwartungen der Öffentlichkeit, Studentenzahlen, Finanzierungsmöglichkeiten betrifft, als Stanford, Chicago, Yale oder Harvard.
Deutschland wird aus seinem relativen Tief herauskommen, und das gegenwärtige relative Hoch der US-Universitäten ist angesichts des zunehmenden Wettbewerbs nicht garantiert. Das ist ironischerweise gerade deshalb der Fall, weil fast überall die Vereinigten Staaten als das große Vorbild für eine Universitätsreform gesehen werden und dies weltweit zu Verbesserungen führt. Wissenschaft ist grundsätzlich transnational, und man sollte Erfolge anderer mit Freude begrüßen.
Nichts ist wichtiger als die Qualität der Wissenschaftler und Studenten
Ich möchte aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in Hamburg, Freiburg, Yale, Berkeley, Chicago, Löwen, Stanford und München einige Anmerkungen zu der gegenwärtigen deutschen Diskussion machen.
Als vor hundert Jahren amerikanische Institutionen damit begannen, auf innovative Weise deutsche Vorbilder ihren sehr verschiedenen Traditionen und Funktionen erfolgreich anzupassen, war die Situation in Deutschland, wie der Soziologe Joseph Ben-David gezeigt hat, durch starken Wettbewerb gekennzeichnet. Es war nicht allein die Humboldtsche Universitätsidee, die die deutsche Universität im Verlauf des 19.Jahrhunderts zum Vorbild machte, sondern die wissenschaftliche Energie und Vielfalt, die freigesetzt wurden durch den Wettbewerb in der dezentralisierten deutschen Universitätslandschaft. Gegenwärtig wird dieser universitäre Wettbewerb als eine Voraussetzung für Qualitätsverbesserung in Deutschland wieder entdeckt und soll nun auch von Bund und Ländern gefördert werden. Im Rahmen von »Innovationsoffensiven« sollen die Universitäten dabei unterstützt werden, sich zu »weltweit wettbewerbsfähigen Spitzenuniversitäten« zu entwickeln. Wenn man den Wettbewerb will, dann müssen aber vor allem die Grundbedingungen stimmen, denn Patentlösungen gibt es nicht.
Dazu gehören: erstens ausreichende Universitätskapazitäten, zweitens das richtige Verhältnis von Forschung und Lehre sowie drittens das richtige Verhältnis zu extrauniversitären Institutionen in Forschung und Wirtschaft und viertens die Autonomie der Universitäten.
Die größte Errungenschaft der westlichen Universität ist das an der Wahrheit orientierte wissenschaftliche Denken in Forschung und Lehre. Dafür ist die Verknüpfung von Forschung mit Lehre unerlässlich. Nimmt man diese Verknüpfung ernst, so gibt es in der Welt viele Einrichtungen, die nur dem Namen nach Universitäten sind und sich vielfach versündigen.
Zu den Hauptsünden gehört das weit verbreitete Missverhältnis von Universitätskapazitäten und Studentenzahlen. Die Überlastung schwächt einerseits die Fähigkeit der Universität, die Begabten zu fördern, andererseits ist sie häufig nicht hinreichend darauf eingerichtet, den Ausbildungsbedürfnissen der Mehrzahl ihrer Studenten gerecht zu werden.
In der Bundesrepublik wachsen die Studentenzahlen derzeit an, und damit werden sich auch die Kapazitäten weiter verschlechtern. Ich gebe nur ein Beispiel. An der Universität Mainz gibt es dieses Jahr 35.000 Studenten. Dies bedeutet einen Zuwachs von 20 Prozent in den letzten fünf Jahren, während das Personal um 5 Prozent verringert wurde. Aus Haushaltsgründen sind überdies an der Universität Mainz nur 93 Prozent aller Stellen besetzt.
Die Verantwortung für das Missverhältnis von Nachfrage und Kapazität liegt bei ganzen Generationen von Politikern. Sie haben vor Jahrzehnten Tor und Tür geöffnet, ohne die Finanzen des tertiären Bildungssektors – von einigen Neugründungen abgesehen – hinreichend zu verbessern. Deutsche Universitäten sind infolgedessen seit langem unterfinanziert.
Dazu kommt, dass die Leistungen der Universität mehr oder minder zum Nulltarif angeboten werden und somit alle Steuerzahler, auch die Armen, dafür aufkommen müssen. An diesem System würden natürlich viele der gut organisierten und einflussreichen Wähler gern festhalten. Ich bezweifle, dass angemessene Studiengebühren in Deutschland zu vermeiden sind. Allerdings würde mit Studiengebühren wenig erreicht werden, wenn sie nur zur Entlastung der Staatskassen dienen sollen. Eine der Hauptaufgaben in diesem Bereich ist die Absicherung von Gebühren als zusätzliche Finanzierungsquelle der Universitäten.
Außerdem müssen Universitätsgebühren natürlich mit finanzieller Beihilfe für einkommensschwache Familien verbunden werden. Es muss von Anfang an darauf geachtet werden, dass die Chancengleichheit das Hauptziel der Ausbildungsförderung bleibt. Wenn im Übrigen Universitäten die einmal zugelassenen Studenten nicht durch curriculare Verbindlichkeiten und Zwischenprüfungen dazu anhalten, notwendige Entscheidungen über ihren Lebensgang zu fällen, leidet die Ausbildungsförderung auch in dieser Hinsicht. Hier bietet die Umsetzung des Bologna-Programms den Universitäten (ZEIT Nr. 1/05) große Möglichkeiten der Neubesinnung und Erneuerung. In der Trennung von Grundausbildung und weiterführendem Magistergrad lässt sich vielleicht auch das Kapazitätenproblem lösen.
Um das Niveau zu erreichen und zu erhalten, das sich Universitäten alltäglich in Forschung und Lehre abverlangen müssen, kann man sich nur wenige Kompromisse leisten. Nichts ist in einer Universität wichtiger als die Qualität der Wissenschaftler und Studenten, weil davon die Qualität ihres Zusammenwirkens abhängt. Deshalb ist eine lebenskräftige Universitätslandschaft, in der die Universitäten sich nicht im Wettbewerb miteinander ihre Studenten auswählen, auf lange Sicht schwer vorstellbar.
Studenten sollen nicht nur dasitzen, sie sollen selbst forschen
Die Diskussion über die Einheit von Forschung und Lehre rechtfertigt diese Einheit in der Regel mit dem Argument, dass die jüngere Generation von den Wissenschaftlern lernen soll, die selbst aktiv forschen und »auf dem neuesten Stand« sind. Das ist nicht genug. Zu den Faktoren, die gute amerikanische Universitäten gut machen, gehört, dass sie selbst den jüngeren Studenten Chancen geben, mitzumachen und nicht nur dazusitzen. Wir nehmen selten allein auf »Forschung und Lehre« Bezug, sondern sprechen stattdessen von »teaching, learning, and research«.
Stanford zum Beispiel hat in einem fünfjährigen, auch für Amerika einzigartigen, Unternehmen bisher eine Milliarde Dollar eingeworben, um den undergraduates, den Studenten der ersten vier Jahre, bessere Möglichkeiten zu geben, wissenschaftliche Neigungen zu entwickeln und eigene Projekte zu verfolgen. Dieses Unternehmen kommt nun zum Ende. Erst kürzlich hat ein einzelner Stifter ein Anlagevermögen von 13 Millionen Dollar für Forschung von undergraduates in den Ingenieurwissenschaften beigetragen. Insgesamt gilt die Förderung auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften, in vieler Hinsicht gerade für sie.
Stanfords Campaign for Undergraduate Education ist ein gutes Beispiel für den starken Einfluss Humboldts auf der anderen Seite des Atlantiks. Häufig zitiere ich aus seiner Schrift Über die äußere und innere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin: Der Lehrer ist nicht für die Studenten, »beide sind für die Wissenschaft da; sein Geschäft hängt mit an ihrer Gegenwart und würde ohne sie, nicht gleich glücklich vonstatten gehen; er würde, wenn sie sich nicht von selbst um ihn versammelten, sie aufsuchen, um seinem Ziele näher zu kommen…« Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch diese Synthese von Forschung und Lehre, durch dieses dialektische – nicht hierarchische – Verhältnis von Professoren und Studenten ist aber nur dann möglich, wenn die Universitäten, und nicht außeruniversitäre Einrichtungen, die Hauptforschungsstandorte sind und somit den besten Studenten Wege zur Mittätigkeit geebnet werden.
Das Hauptproblem in der Bundesrepublik ist immer noch die Tatsache, dass Bund und Länder außeruniversitäre Forschung in relativ großen Maßen finanzieren, während die Universitätsforschung eher stiefmütterlich behandelt wird. So werden Bund und Länder nächstes Jahr den so genannten gemeinsamen Wissenschaftseinrichtungen wie beispielsweise den Max-Planck- oder Fraunhofer-Instituten 3,8 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Die Hauptquelle für die Unterstützung innovativer Projekte an allen deutschen Universitäten, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, erhält nur ein Drittel dieser Summe.
Von Peking bis Berlin und Brüssel hoffen die Regierungen, dass eine enge Zusammenarbeit von Universitäten und Wirtschaft Innovation und Wachstum fördern wird. Mir als ehemaligem Präsidenten von Stanford steht es kaum zu, für eine scharfe Grenzziehung einzutreten. Dennoch sind einige ernüchternde Beobachtungen angebracht. Forschung, vor allem Grundlagenforschung, ist ein öffentliches Gut, das die Wirtschaft, angesichts ihrer Profitorientierung, nur in beschränktem Maße finanzieren wird und kann. Die Wirtschaft wird es der Politik nicht ermöglichen, den trade-off zwischen Wissenschaftsförderung und anderen gesellschaftspolitischen Prioritäten zu vermeiden.
Stanford hat sich in der Nachkriegszeit, in einer Periode von etwa zwanzig bis dreißig Jahren, von einer guten Regional- zu einer Spitzenuniversität entwickelt. Eine der Hauptursachen ist darin zu finden, dass die Universitätsleitung sich frühzeitig energisch dem Wettbewerb ihrer Professoren um Bundesforschungsmittel verschrieb. Ohne die daraus resultierenden Bundesmittel wäre Stanford der Durchbruch wahrscheinlich nicht gelungen. Auch heute stammen bei einem Drittmittel-Forschungsetat von etwa einer Milliarde Dollar (unter Einschluss des vom amerikanischen Bund finanzierten Stanford Linear Accelerator Center) nur etwa vier Prozent aus der Wirtschaft.
Patente und Lizenzeinnahmen schaffen keine Goldberge herbei
Viel Hoffnung wird heutzutage auf die Patentierung universitärer Erfindungen gesetzt, die zu Lizenzeinnahmen führen sollen. Auch hier sollte man sich keine goldenen Berge versprechen. Im letzten Berichtsjahr haben die 166 amerikanischen Universitäten, die darüber öffentlich Rechenschaft ablegten, zwar insgesamt fast 877 Millionen Euro an Lizenzeinnahmen gehabt, aber bei 52 Prozent der Institutionen beliefen sich diese auf 750.000 Euro oder weniger. Die gesamte University of California hat nur 45 Millionen Euro eingenommen, Stanford 32 Millionen. Dennoch erhofft sich jeder den großen Durchbruch mit dem einen oder anderen Patent.
Es wird heutzutage auch viel von Universitätsautonomie gesprochen, also der institutionellen Autonomie der Universität gegenüber der traditionellen staatlichen Lenkung. Was steht hinter dieser Entwicklung? Unter anderem scheinen mir die folgenden Faktoren eine Rolle zu spielen:
Erstens veranlassen die Finanzmisere und der globale wirtschaftliche Wettbewerb die Politiker, mit einer Neuverteilung der Verantwortungen zu experimentieren.
Im internationalen Wettbewerb zeigt zweitens das Mischmodell aus staatlicher Lenkung, Professorenautonomie und Gruppenmitspracherechten nicht genügend Handlungsfähigkeit.
Drittens hat die traditionelle Selbstverwaltung der Universität über die Jahre stark an Legitimität verloren, weil sie zu sehr auf die kleinsten Einheiten in der Universität abstellt. Es geht heute um die institutionelle Freiheit der Universität, Prioritäten zu setzen und zu verfolgen.
Viertens hat die Einsicht, dass die Studenten so etwas wie Klienten sind, zur Folge, dass man sich anders um sie kümmern und auf sie eingehen muss, als es das Behördenmodell oder die Gruppenuniversität vorsahen.
Die Frage ist: Was setzt man an die Stelle der überkommenen Strukturen? Die Experimente in den Bundesländern reichen von gestärkter Selbstverwaltung bis zu Stiftungsuniversitäten, wobei allen Experimenten gemeinsam ist, dass sie den Leitungsorganen mehr Kompetenzen geben. Mit Demokratie hat die Universität nichts zu tun. Sie hat viel zu tun mit Konsultation und Teamwork. Was die Universität betrifft, ist Legitimität am Ende allein durch die Qualität von Forschung und Lehre begründet, dadurch, wie ernst die Wahrheitssuche genommen wird. Man muss erreichen, dass der Status quo ständig und kompetent von den Verantwortlichen selbst infrage gestellt wird.
Die notwendigen Leitungsstrukturen müssen pragmatisch gedacht werden. Die Hauptfrage ist, wie man erreichen kann, dass Universitäten materielle und immaterielle Mittel so einsetzen, dass Lehre, Lernen und Forschung die bestmöglichen Resultate erzielen. Dazu müssen folgende Bedingungen erfüllt werden.
Die Universität muss in der Lage sein, als Institution Langzeitperspektiven zu entwickeln. Das Hauptmittel dazu ist, dass die Universität in jeder Hinsicht rechtlich, finanziell, intellektuell auf eigene Füße gestellt wird und ihr Autonomie zuerkannt wird. Dabei muss es sich, wie Richard Ernst, Physikalischer Chemiker und Nobelpreisträger von der ETH Zürich, betont, um wirkliche, nicht nur definitorische Autonomie handeln. Rechtlich bedeutet Autonomie natürlich nicht, von den allgemeinen Gesetzen befreit zu sein. Vielmehr heißt es, dass die meisten wichtigen Entscheidungen, die den Lehrkörper, die Lehrpläne, die Studenten und die Universitätsforschung betreffen, in eigener Verantwortung und letztinstanzlich gefällt werden. Ein Vetorecht der Minister bei Berufungen untergräbt diese Verantwortung und schafft die Gefahr, dass Mitglieder der Universität die zuständigen Organe der Universität unterlaufen. Finanziell bedeutet Autonomie vor allem, dass die Universität größtmögliche Flexibilität bei dem Einsatz ihrer auf mehrere Jahre garantierten Haushaltsmittel haben muss. Für deren Verwendung ist sie natürlich dem Geldgeber Staat gegenüber verantwortlich. Intellektuelle Autonomie bedeutet, dass die Freiheit von Forschung und Lehre auch als eine Freiheit der Institution Universität verstanden wird, Prioritäten zu setzen und Qualitätskontrolle auszuüben.
Um institutionelle Langzeitperspektiven entwickeln zu können, muss die Universität so organisiert sein, dass sie klare Leitungs- und Entscheidungsstrukturen hat und dass die Führungsspitzen checks and balances sowohl innerhalb wie außerhalb der Universität ausgesetzt sind.
Der Präsident sollte bei der Leitung freie Hand haben
Um Verantwortung zu erzielen, sollte die Leitung der Universität nicht in den Händen eines Gremiums liegen, sondern einem Präsidenten mit einer mindestens fünfjährigen Regelamtszeit anvertraut werden. Dieser Präsident sollte freie Hand bei der Auswahl und Ernennung von Vizepräsidenten für verschiedene Sachbereiche (Kanzler eingeschlossen) haben und dazu nur der Zustimmung des Hochschulrates bedürfen. Unter den Vizepräsidenten sollte einer für Qualität und Innovation im Bereich der Lehre zuständig sein.
Aktives Management an der Spitze allein ist in der Universität allerdings unzureichend, deshalb sollten Dekane auf Vorschlag des Präsidenten vom Fachbereichsrat gewählt und dann vom Präsidenten ernannt werden. Ihre Amtszeit sollte auch längerfristig sein, und sie sollten als Teil der Universitätsleitung handeln. Das System interner checks and balances sollte nach außen hin durch einen Hochschulrat ergänzt werden, dem praktisch gesehen bisherige staatliche Zuständigkeiten zugeteilt werden und dem vor allem die Wahl des Präsidenten und Kontrollfunktionen zukommen.
Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, brauchen Universitäten auch ein institutionelles Zusammengehörigkeitsgefühl. Edward Shils, der große Soziologe, hat 1982 geschrieben: »Universitätslehrer schulden der Institution, die sie ernannt hat, eine Pflicht. Diese Pflicht setzt sich nicht einfach aus Pflichten gegenüber ihren Studenten und ihren Kollegen zusammen. Es gibt eine Pflicht, die eigene Universität zu unterstützen, weil sie ihrerseits eine Quelle der intellektuellen Unterstützung ihrer Mitglieder ist.« Das Verbreitetsein dieser Einsicht in einer Universität gehört zu den Grundbedingungen ihres Erfolges.
Gerhard Casper kennt das amerikanische und das deutsche Hochschulsystem aus eigener Anschauung. Von 1992 bis 2000 war er Präsident der amerikanischen Elite- universität Stanford. Casper wurde 1937 in Hamburg geboren. Er studierte Jura in Freiburg, Hamburg und Yale. Seine Karriere begann er als Assistenzprofessor in Berkeley, später wurde er Professor, dann Kanzler an der Universität von Chicago. Als Präsident von Stanford gelang es ihm, viele private Spender für die Universität zu gewinnen. Seit 2001 lehrt der Verfassungsjurist, der stets die amerikanische Verfassung bei sich trägt, wieder Jura in Stanford. Im Rahmen der »Berliner Lektionen« hat Casper kürzlich einen Vortrag zur Zukunft der deutschen Universitäten gehalten. Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung seiner Rede.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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