Hochschule Die Befreiung der UniversitätenSeite 6/6
Um institutionelle Langzeitperspektiven entwickeln zu können, muss die Universität so organisiert sein, dass sie klare Leitungs- und Entscheidungsstrukturen hat und dass die Führungsspitzen checks and balances sowohl innerhalb wie außerhalb der Universität ausgesetzt sind.
Der Präsident sollte bei der Leitung freie Hand haben
Um Verantwortung zu erzielen, sollte die Leitung der Universität nicht in den Händen eines Gremiums liegen, sondern einem Präsidenten mit einer mindestens fünfjährigen Regelamtszeit anvertraut werden. Dieser Präsident sollte freie Hand bei der Auswahl und Ernennung von Vizepräsidenten für verschiedene Sachbereiche (Kanzler eingeschlossen) haben und dazu nur der Zustimmung des Hochschulrates bedürfen. Unter den Vizepräsidenten sollte einer für Qualität und Innovation im Bereich der Lehre zuständig sein.
Aktives Management an der Spitze allein ist in der Universität allerdings unzureichend, deshalb sollten Dekane auf Vorschlag des Präsidenten vom Fachbereichsrat gewählt und dann vom Präsidenten ernannt werden. Ihre Amtszeit sollte auch längerfristig sein, und sie sollten als Teil der Universitätsleitung handeln. Das System interner checks and balances sollte nach außen hin durch einen Hochschulrat ergänzt werden, dem praktisch gesehen bisherige staatliche Zuständigkeiten zugeteilt werden und dem vor allem die Wahl des Präsidenten und Kontrollfunktionen zukommen.
Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, brauchen Universitäten auch ein institutionelles Zusammengehörigkeitsgefühl. Edward Shils, der große Soziologe, hat 1982 geschrieben: »Universitätslehrer schulden der Institution, die sie ernannt hat, eine Pflicht. Diese Pflicht setzt sich nicht einfach aus Pflichten gegenüber ihren Studenten und ihren Kollegen zusammen. Es gibt eine Pflicht, die eigene Universität zu unterstützen, weil sie ihrerseits eine Quelle der intellektuellen Unterstützung ihrer Mitglieder ist.« Das Verbreitetsein dieser Einsicht in einer Universität gehört zu den Grundbedingungen ihres Erfolges.
Gerhard Casper kennt das amerikanische und das deutsche Hochschulsystem aus eigener Anschauung. Von 1992 bis 2000 war er Präsident der amerikanischen Elite- universität Stanford. Casper wurde 1937 in Hamburg geboren. Er studierte Jura in Freiburg, Hamburg und Yale. Seine Karriere begann er als Assistenzprofessor in Berkeley, später wurde er Professor, dann Kanzler an der Universität von Chicago. Als Präsident von Stanford gelang es ihm, viele private Spender für die Universität zu gewinnen. Seit 2001 lehrt der Verfassungsjurist, der stets die amerikanische Verfassung bei sich trägt, wieder Jura in Stanford. Im Rahmen der »Berliner Lektionen« hat Casper kürzlich einen Vortrag zur Zukunft der deutschen Universitäten gehalten. Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung seiner Rede.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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