Deutsche Wertarbeit

Ob in Kabul, Bagdad oder am nächsten Flughafen: Die Waffen der Firma Heckler & Koch sind überall. Haben ihre Ingenieure damit ein Problem? von Roland Schulz

Der Fotograf sagt, das mit den Gewehren müsse unbedingt ein bisschen lockerer aussehen, wegen der Symbolik. Marc R. fasst seine Maschinenpistole daraufhin in der Mitte, den Finger am Hebel zur Feuerwahl, aber er steht verkrampft, es sieht nicht sehr locker aus. Dieter R. nimmt sein Sturmgewehr am Schaft, er bemüht sich, die Waffe nicht wie ein Fachmann zu halten, aber es klappt nicht recht. Der Fotograf ist nicht zufrieden. Er greift sich das Gewehr und lässt es lässig in der Hand baumeln. So stelle er sich das vor, sagt der Fotograf und ruft: Vergessen Sie einfach, dass Sie Waffen in der Hand haben! Halten Sie die Dinger wie einen Bierkasten. Marc R. und Dieter R. blicken leicht entsetzt. Ein bisschen freundlicher bitte, der Herr R.!, ruft der Fotograf hinter seiner Kamera hervor. Was haben wir heute? Donnerstag? Bald ist Wochenende!

Dieter R. sagt später, das mit dem Fotografen sei seltsam gewesen. Nie würde er eine Waffe so nachlässig halten, sagt er, und erst recht würde er niemals vergessen, dass er eine Waffe in der Hand habe, wenn er denn eine Waffe in der Hand habe. Auch das Lachen hat ihm nicht gefallen. Bei uns gibt es nichts zu lachen, sagt er.

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Marc R. sagt später, er müsse darauf bestehen, dass der Fotograf unterschreibe, dass er die Fotos nicht weitergeben werde, allein für diesen Artikel dürften sie verwandt werden. Nicht dass sie irgendwo auftauchen und ein falsches Bild entsteht.

Das ist schon ein Teil der Geschichte von Heckler & Koch, einer Geschichte, die von Waffen handelt und von den Menschen, die sie bauen - aber mehr noch von Bildern. Den Bildern, die sich die Welt über diesen Waffenhersteller aus Oberndorf am Neckar macht, einer kleinen Stadt zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, über die Menschen bei Heckler & Koch und ihre Arbeit. Den Bildern, die sich die Menschen in dieser Firma über die Welt da draußen machen. Und den Bildern, die längst alle im Kopf haben, die sogar die Menschen kennen, die den Namen Heckler & Koch noch nie gehört haben. Man muss nur die Nachrichten einschalten und sieht Soldaten oder Polizisten an Orten wie Kabul, Bagdad oder dem Flughafen der nächsten Stadt und damit Waffen aus Oberndorf. Oder im Kino, Filme wie Matrix, Tomb Raider oder Stirb langsam, in denen die Guten wie die Bösen mit Waffen von H&K schießen. Oder das Symbol der RAF, der rote Stern mit der Maschinenpistole: Das ist eine MP5, von Heckler & Koch.

Marc R. mag diese Waffe ganz gern. Er steht im Schlauch, so nennen sie den Schießstand, der nichts weiter ist als ein langer Gang, am einen Ende eine Tür, am anderen Ende ein Holzstapel, an dem die Zielscheiben befestigt sind. Marc R., ein Mann mit randloser Brille und aufgestelltem Haar, hat ein paar Waffen dabei, das war ihm wichtig, sie einmal in Aktion zu zeigen.

Seine Lieblingspistole, die P7, eine sehr elegante Waffe, sagt er, sehr ästhetisch. Dazu die Maschinenpistole vom Foto, die MP7, mein Lieblingskind. Und dann noch die MP5. Die ist natürlich der Klassiker, sagt er. Marc R. nimmt die Maschinenpistole in die Hand, in einer ruhigen und runden Bewegung, es ist kein Zaudern, kein Stocken darin, denn hier ist jetzt kein Fotograf, hier muss Marc R. nicht auf falsche Bilder achten, hier ist er nichts anderes als ein Waffeningenieur mit einer Waffe. Die MP5, sagt er mit Stolz in der Stimme. Bis heute Standardwerkzeug der meisten Eliteeinheiten der Welt. Dann geht es ganz schnell. Die Knie leicht gebeugt, hebt er die Waffe, entsichert sie, wählt Dauerfeuer, und dann schießt er. Hart und laut hallen die Schüsse, einen Atemzug lang, dann läuft er zwei Schritte in Richtung Holzstapel, nimmt wieder festen Stand, schießt noch einen Feuerstoß, läuft weiter, schießt. Auf diese Weise, sagt er danach, schössen die Kunden. Die Kunden, das sind militärische Spezialeinheiten wie das Kommando Spezialkräfte oder die GSG9, deren Mitglieder Marc R. die Jungs nennt. Einer ist ein naher Verwandter, aber darüber darf er nicht im Detail sprechen, wegen der Geheimhaltung. Dann reicht er die zweite Maschinenpistole. Und jetzt Sie, sagt er.

Das Besprechungszimmer ist abhörsicher

Dieter R. schätzt die MP5 als ordentliches, bewährtes Produkt. Er sitzt im abhörsicheren Besprechungszimmer von Heckler & Koch, einem kleinen Raum mit weiß gestrichenen Wänden, grauen Heizkörpern, hellen Neonröhren, so alltäglich, dass es kaum auffällt, dass es nirgends Steckdosen gibt. Daran kann man die abhörsicheren Räume in der Firma erkennen. Dieter R. ist ein Mensch mit dünnen Lippen und sanfter Stimme, klein, die Haare an den Schläfen sind ergraut. Er spricht über die Wissenschaft der Waffen, denn nichts anderes, findet er, sei seine Arbeit: eine Wissenschaft. Über die Kadenz spricht er, die Feuerrate, gewissermaßen der Herzschlag einer Waffe, gemessen in Schuss pro Minute, er spricht über Belastungsgrenzen von Gewehrläufen und Zündungsarten von Patronen, von Schlagbolzen und Durchladehebeln, wobei dieses Wort nach Dieter R.s Meinung technisch nicht ganz korrekt ist, er bevorzugt die exakte Bezeichnung Spannhebel, bei der Wissenschaft der Waffen müsse man genau sein. Dann merkt er, dass die ganze Zeit er geredet hat. Das ist ihm ein bisschen peinlich. Wie sagt man bei uns im Schwäbischen?, fragt er und lächelt kurz. A Dipfele-Scheißer. Aber genau das macht einen guten Waffeningenieur wahrscheinlich aus. Denn letztendlich, sagt Dieter R., sei das Geheimnis einer Waffe wie der MP5 ein Zusammenspiel aus Zuverlässigkeit und Treffsicherheit. Eine gute Waffe ist die, mit der Sie das Ziel treffen und auch die geforderte Wirkung im Ziel erreichen. Er spricht das Wort töten nicht aus. Vielleicht wollte er es auch gar nicht verwenden. Meistens sprechen die Waffeningenieure bei Heckler & Koch von Wundwirkung, von ausschalten oder neutralisieren, wenn es um das Töten geht. Es ist still im Besprechungszimmer. Dieter R. schweigt. So, sagt er dann. Jetzt kommt bestimmt die Frage nach dem Gewissen.

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