Vor sechs Jahren schnurrte das noch ganz prächtig, da standen sie allesamt Schlange, um von Helmut Dietl etwas über den neuen Dietl zu erfahren. Und Dietl hielt Hof, um die Multiplikatoren mit ein paar deftigen Sentenzen zu versorgen. Zum Beispiel, dass man den Arsch nicht höher hängen soll, als man scheißen kann. Oder dass das Fernsehen eine Art Quotenbordell ist, in dem die Politiker wie Freier verkehren. Was man eben so sagt, um draußen im Land im Gespräch zu bleiben.

Inzwischen wirkt Helmut Dietl, dieser große ältere Mann der bundesrepublikanischen Gesellschaftssatire, selbst ein wenig wie ein Monarch im Exil: Die Geste sitzt noch, aber die Öffentlichkeit dazu ist weggebrochen. Undankbarerweise hat der deutsche Film sich anderen Lieblingen zugewandt. Die in Schtonk und Late Show verübte Gesellschaftskritik gehört zu den Großtaten von gestern. Selbst Veronica Ferres, die kleine Vroni aus Rossini, kriegt mittlerweile in Kinofachzeitschriften wie stern oder Bunte den größeren Bahnhof. Weil im bajuwarischen Kraftkerl aber immer schon auch ein Anspruchsmensch steckte, muss er sich gesagt haben: Euch zeig ich’s noch mal, ihr Lackaffen. Euch servier ich den Überfilm.

Vom Suchen und Finden der Liebe – der Rosamunde-Pilcher-artige Titel täuscht, es handelt sich um nichts weniger als eine modernisierte Fassung des Mythos von Orpheus und Eurydike. Moritz Bleibtreu spielt einen Komponisten, der sich in eine Schlagersängerin verliebt, die er nach seinem Ebenbild zu formen versucht, was aber nicht gut geht, sodass die Enttäuschung groß ist. Bleibtreu reist nach Griechenland, bringt sich aus Kummer um, begegnet der Geliebten nach diversen Irrungen und Wirrungen in der Unterwelt wieder, um als Geretteter denselben Fehler noch einmal zu begehen. Dazu donnern Opernarien von Puccini oder Christoph Willibald Gluck, und ein Notenblatt versinkt bedeutungsschwer in finsteren Gewässern. Alles in allem wurde der Arsch also auf vorläufigen Höchststand gebracht. Das Ergebnis, reden wir nicht lang drum herum, ist gründlich in die Hose gegangen.

An den Schauspielern liegt es nicht, sie schlagen sich achtbar durch eine mühsam auf Gegenwartstauglichkeit getrimmte Handlung. Anke Engelke überzeugt in einer Nebenrolle als gleichermaßen sexualsüchtige wie -gestresste Karrierefrau, Harald Schmidt, der alte Spezi, spielt seinen Part als sinistrer Psychotherapeut mit der souveränen Schmierigkeit des späten Brando, und Orpheus Bleibtreu verliert zwischen Pappmachétempeln und geflügelten Götterboten, die ihm an die Wäsche wollen, zumindest nicht die Nerven.

Auch fotografieren kann er immer noch, der Helmut Dietl, schließlich war er früher mal Werbefilmer. Wie eine reife Beere quillt die Träne aus dem Auge von Eurydike-Darstellerin Alexandra Maria Lara. Das schaut schön aus, so in Großaufnahme. Überhaupt die Unterwelt, sie hat einiges zu bieten. Einen dienstbaren Charon, der Besucher mit Floß und Hund hinüberrudert, einen schicken Hermes Aphroditos im hautengen Glitzerkostüm, jede Menge Träume in Tüll und Gold. Der Dietlsche Hades ist eine Mischung aus Münchner Barockhölle, Society-Event und Swingerclub. Man kann sich Anregungen holen für die nächste Bad-Taste-Party.

Für einen deutlich erhöhten Klatsch- und Tratschfaktor wurde außerdem gesorgt. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen seien zufällig und nicht beabsichtigt, heißt es im Abspann, was für einen Lacher gut ist, hat der leibhaftige HD doch höchstselbst unters Volk gestreut, dass die Frauen sein Schicksal seien und er schon noch ab und zu an die Vroni denke. Um allerdings wirklich etwas über ein Ding wie die Liebe zu sagen, hätte er Kunsthandwerk Kunsthandwerk sein lassen und sich jenen leicht strizzihaften Mann süddeutscher Prägung vorknöpfen müssen, den er selbst im Leben so virtuos darzustellen versteht. Statt ihn mit ein paar flotten Sprüchen davonkommen zu lassen, hätte er ihm ins Herz blicken müssen – und dabei womöglich festgestellt, dass dort Großspurigkeit und Geltungsbedürfnis wohnen, aber auch gähnende Banalität.

Toll trieben’s die alten Griechen, Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus, Hirn und Hormone kommen in einem einzigen Leben nicht zusammen – mehr Message wird in den gesamten gnadenlosen 107 Minuten, die dieser Film sich hinzieht, nicht geboten. Damit’s auch jeder versteht, muss Orpheus sich am Ende umdrehen, schaut die Geliebte und verliert sie im Licht der Sonne auf immer. Aber so ist es nun mal, das Dietlsche Kino, arg von sich selbst geblendet. Ob es den Leuten aufs Maul schaut oder in den mythologischen Spiegel, es sucht und findet dort immer nur sein Lieblingskind: den ewigen Esel von Stenz.