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Kraft der Vielfalt

Alle zusammen, jeder für sich: Warum sich Europas große Schwäche bald als Vorteil erweisen könnte

Wellen, Möwen, Baden, Freizeit – wenn Lars Eklund über den Timmendorfer Strand spricht, vermeidet er solche Schlagworte. Der Direktor der schwedischen Innovationsagentur Vinnova spricht lieber über die Menschen, die er vor wenigen Tagen an der Ostsee getroffen hat. Mit denen plant er Großes. Aus elf Ländern, aus allen umliegenden Regionen seien die Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler angereist, um »voneinander zu lernen«, um die Osterweiterung der EU zu nutzen, um »alte europäische Stärken neu auszuspielen«. Schließlich sei die Ostseeküste laut World Economic Forum die wettbewerbsfähigste Region Europas. Damit daraus Wachstum wird, will Eklund mit allen Anrainern künftig »Cluster-Politik« machen.

Cluster? Wer heute in Europa nach dem Zaubermittel für mehr Wohlstand sucht, der findet zunächst andere Antworten, und zwar in beliebiger Länge – schließlich ist die Frage nach dem Ursprung des europäischen Wohlergehens so alt wie die Wirtschaftsgeschichte selbst.

Verliehen nicht, frei nach Adam Smith, Institutionen wie das Recht, der Vertrag oder der Markt dem Alten Kontinent den entscheidenden Schwung? War es die von Max Weber identifizierte protestantische Ethik? War es etwa die Kultur, mit der der Wirtschaftshistoriker David Landes in seinem Buch über Wohlstand und Armut der Nationen unlängst den Vorsprung der europäischen Zivilisation vor anderen begründete?

»Der größte Fehler der Vergangenheit war es, auf die Politik zu warten«

Oder liegt Europas Stärke vielleicht in seiner »regionalen und kulturellen Vielfalt«? Das betonen vor allem Praktiker wie der bayerische Europaminister Eberhard Sinner oder die Vertreter im EU-Ausschuss der Regionen – um dann im gleichen Atemzug von der Europäischen Union mehr Rechte für die Regionalpolitik zu fordern.

Tatsache ist: Auch wenn Europa im Vergleich mit den anderen Kontinenten insgesamt wie eine Insel der Seligen wirkt, differieren Wachstum und Wohlstand stark. Und zwar nicht nur von Land zu Land, sondern viel stärker noch von Region zu Region. Der Mezzogiorno Italiens hat beispielsweise mit Venetien kulturell und ökonomisch etwa so viel zu tun wie Vorpommern mit Nord-Baden-Württemberg – ziemlich wenig. Schon seit Jahrzehnten liegen viele der reichsten Gegenden Europas im so genannten Pentagon zwischen London, Paris, Mailand, München, Hamburg oder rund um Zentren wie Helsinki oder Stockholm im Norden – ohne dass beispielsweise Süditalien irgendeine Chance hätte aufzuholen. Bei anderen wiederum stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Am stärksten wachsen heute Regionen in der Peripherie, in Irland beispielsweise, im Süden und Osten Spaniens oder in Teilen Osteuropas.

Bloß, warum?

»Lokale und regionale Bedingungen gehören zu den wichtigsten Antriebskräften wirtschaftlicher Entwicklung«, antwortet die OECD in ihrer Regionalprognose. Und die EU-Kommission assistiert: »Der Wandel der modernen Produktion hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass regionale Besonderheiten wichtiger werden. Regionen spezialisieren sich heute stärker.« Aber Europa tue wenig, um aus seiner Vielfalt Kapital zu schlagen.

Lars Eklund sagt: »Der größte Fehler der Vergangenheit war es, auf die große Politik zu warten. Dabei kann viel für das Wachstum auf regionaler Ebene oder von den Unternehmen selbst getan werden.« Der Mann weiß, wovon er spricht. Schweden fördert die Regionen vorbildlich, und sein Wohlstand liegt über dem europäischen Durchschnitt. In einem Bundesstaat wie Deutschland mag die Dezentraliät normal erscheinen. Aber für viele Europäer ist sie neu, für manchen französischen oder spanischen Anhänger des Zentralstaates gar subversiv.

Trotzdem: Einen »neuen Regionalismus« beobachten Ökonomen bereits. Eine wachsende Zahl von Wirtschaftspolitikern glaubt an eine Zukunft, in der sich die Kraft der europäischen Wirtschaft aus Nischen und Regionen speist. Trendsetter ist indes ein amerikanischer Ökonom, Michael Porter, Wirtschaftsprofessor an der Harvard University. Er schrieb vor fast fünfzehn Jahren zum ersten Mal über die geheimnisvollen Cluster.

Porter definierte sie »als geografisch nah beieinander liegende, miteinander verbundene Unternehmen und Institutionen aus einer bestimmten Branche« – wie etwa im Silicon Valley. Durch gemeinsame Technik, gemeinsame Verkaufswege oder dadurch, dass sie auf den gleichen Pool an Arbeitnehmern zurückgreifen, sind die Unternehmen in einer Mischung aus Konkurrenz und Kooperation miteinander verknüpft. Sie werden dadurch produktiver und bereiten das Feld für weitere Firmengründungen. So weit, so gut. Doch es ist nicht leicht, die Aufwärtsspirale in Bewegung zu halten.

Um die Rezepte dafür zu finden, erforschte Porter die Geheimnisse erfolgreicher Cluster – und Möglichkeiten, diese an anderer Stelle zu schaffen. Er läutete damit zugleich die Attacke der Pragmatiker gegen die Ideologen ein. Denn wer mit Clustern arbeitet, kann nicht mehr »Der Markt regelt alles« oder »Der Staat muss endlich handeln« brüllen.

Gefragt ist stattdessen eine kluge Mixtur, nach der Firmen, Forscher und Fachpolitiker pragmatisch zusammenarbeiten – und zwar je nach den Gegebenheiten der Region. Christian Ketels, ein Mitstreiter Porters, hat gerade das Pragmatische angezogen. Der deutsche Ökonom, der mehrere Regionen bei der Cluster-Politik beraten hat, sieht in dieser Strategie eine große europäische Chance, weil »es die regionale Spezialisierung oder die Produktion für höchst unterschiedliche Märkte in Europa seit Jahrhunderten gibt. Wir müssen diese Heterogenität nur wieder als Stärke statt als Nachteil erkennen.«

Warum wächst die Wirtschaft in Skandinavien, aber nicht in Süditalien?

Im Baskenland ist genau das geschehen. Die Region, lange geplagt von einer schrumpfenden Schwerindustrie, hat sich zu einer der reichsten Gegenden Spaniens entwickelt. Aus den Industrie-Ruinen wuchsen neue Cluster. Heute florieren dort Branchen wie die Automobil-Zulieferindustrie, der Werkzeugmaschinenbau oder die Telekom-Industrie – die Region wächst schneller als der EU-Durchschnitt. Ähnliches geschah am Öresund in Schweden und Dänemark, wo im »Medicon Valley« heute die Pharmaindustrie prosperiert. Noch vor gut zehn Jahren stand die Arbeiterstadt Malmö nach dem Ende der Werften vor dem Kollaps. Auch das italienische Emilia-Romagna, traditioneller Textilstandort, schaffte mit Keramikbetrieben und Autoindustrie den Sprung in die Neuzeit. Modena ist heute ein seltenes Beispiel einer Stadt mit einem Mangel an Arbeitskräften.

Warum gelingt dies gerade dort?

Stets lässt eine Kombination aus wissenschaftlichen Einrichtungen, Infrastruktur, politischen Rahmenbedingungen und passenden Arbeitskräften eine Industrie entstehen. Am Öresund beispielsweise gaben die lokalen Universitäten wichtige Impulse. Das Baskenland förderte geschickt die Branchen, die das Schicksal wenden konnten. »Autobau in Deutschland« fällt Cluster-Forscher Ketels als weiteres, historisches Beispiel ein: »Der entstand durch die Kombination aus klugen Ingenieuren, guten Autobahnen, fleißigen mittelständischen Zulieferern und anspruchsvollen Kunden.« Bildet die Industie dann ein Netz und erkennt die gemeinsamen Interessen, ohne indes den lebenswichtigen Wettbewerb auszuschalten, dann verstärkt sich das regionale Wachstum.

Am katalonischen Competitiveness Institute werden die Paradebeispiele für Cluster-Politik gesammelt In einer Datenbank können Mitglieder Ratschläge einholen und werden stetig über interessante Fälle informiert: Im Baskenland bauten die Autozulieferer testhalber ein »Cluster«-Auto, um so zu erkennen, welche Fähigkeiten in ihrer Region noch fehlen. Auf der Website finden sich auch Anknüpfungspunkte beim deutschen Forschungsministerium.

Slowenien gilt derzeit als heißer Tipp. Das Erfolgsland unter den EU-Osteuropäern begann 2000 mit einem öffentlichen Programm. Nach Befragung von 4000 Unternehmen fand die Regierung 128 mögliche Cluster mit jeweils sechs bis zwanzig Unternehmen. Drei davon wurden zu Pilotprojekten – Automobilzulieferer, Werkzeugbau und Transport. Für sie fördert der Staat seither Führungsseminare, Weiterbildungskurse, den Aufbau von Datenbanken, und er organisiert die Beratung darüber, wie sich die Firmen vernetzen oder auf den globalen Markt ausrichten.

Biotechnologie in München, Keramik in Katalonien, Videospiele in Schottland, Automobil- und Zulieferindustrie in der Steiermark – die Liste der europäischen Cluster ist lang. 449 hat der Wirtschaftswissenschaftler Claas van der Linde gezählt, die meisten bestehen aus kleinen und mittleren Unternehmen. Dazu kommen all die Regionen, die nichts von ihrem potenziellen Glück wissen.

»Der Staat sollte nicht versuchen, Cluster zu schaffen. Cluster werden durch den Markt geboren und entwickeln sich so oft über Dekaden hinweg. Der Staat kann aber als eine Art Katalysator wirken«, heißt es in einem Expertenbericht der EU von 2002 – und die »Nischen im Weltmarkt« fördern. Für Deutschland kommt der Report zu einer besonders kritischen Analyse: Statt die Stärken zu fördern, habe die Bundesrepublik vor allem versucht, Unterschiede zuzuschütten.

Wenn es nach Christian Ketels ginge, hätten die Europäer ihren Regionen längst mehr Autonomie eingeräumt. Programme wie den BioRegio-Wettbewerb, bei dem das Forschungsministerium die besten Regionen gefördert hat, würde er ebenso ausbauen wie kluge Regionalpolitik – beispielsweise die Förderung der Wachstumskerne in Ostdeutschland. Die Blütenträume von »nationalen Champions«, die durch staatliche Unterstützung reif für die globale Bühne gepäppelt werden, würde er hingegen begraben: »Immer wenn Politiker oder Unternehmer auf die falsche Hoffnung des ›einen richtigen Förderwegs‹ hereinfallen, wird es gefährlich.« Pessimistisch ist der Ökonom nicht: »Europa muss sich eigentlich nur auf seine Tradition besinnen und seine Vielfalt nutzen.«

Manchmal geht das sogar in Strandnähe.

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  • Von Petra Pinzler
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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