medizin Forscher im Aus
Das Stammzellgesetz erweist sich zunehmend als untauglich
Für die deutsche Forschung sollen keine Embryonen sterben – das war der Leitgedanke des Stammzellgesetzes. Eine Stichtagsregelung soll dies absichern: Sie erlaubt den Import von Kulturen embryonaler Stammzellen nur dann, wenn diese bereits vor dem ersten Januar 2001 existierten. Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, wie heuchlerisch der Gesetzeskompromiss ist: Deutschen Wissenschaftlern ist die heikle Forschung zwar erlaubt, aber nur, wenn sie mit untauglichem Material arbeiten. Den aktuellsten Beleg liefern nun zwei US-Forscher im Fachmagazin nature medicine: Die in Deutschland zugelassenen Stammzellen besitzen Eigenschaften, die sie für jede Entwicklung einer möglichen Therapie disqualifizieren.
Denn sämtliche Zell-Linien, die vor 2001 existierten, werden auf »Feeder-Zellen« (Nährzellen) von Mäusen gezüchtet. Dass dies die Gefahr einer Verunreinigung mit Nagerviren birgt, weiß man schon länger. Die neue Studie zeigt einen noch größeren Nachteil auf: Die »alten« Stammzell-Linien sind durch die Mauszellen und tierisches Serum in der Kulturflüssigkeit mit einer Substanz beladen, die zwar auf allen tierischen Zellen vorkommt – nur eben beim Menschen nicht. Menschen bilden daher gegen diese Substanz Antikörper. Das wiederum bedeutet, dass das Immunsystem von Patienten diese Art von Stammzellen eliminieren und jede Therapie sofort unwirksam machen würde.
Rein wissenschaftlich wäre das Problem zwar zu lösen: Forscher aus Singapur haben kürzlich mausfreie Stammzellkulturen geschaffen. Allerdings dürfen diese, siehe Stichtag, nicht nach Deutschland importiert werden. So gerät die hiesige Stammzellforschung ins Aus: In dieser komplexen Disziplin ist internationale Kooperation zwingend; mit veralteten Zellen ist man chancenlos.
Daher muss die Politik nun Farbe bekennen. Entweder ist Stammzellforschung in Deutschland aus grundsätzlichen ethischen Erwägungen verboten. Oder es darf daran gearbeitet werden – dann aber bitte auch mit sinnvollem, modernem Material. Alles andere ist Augenwischerei.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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