irak Wer abstimmt, soll sterben

Terroristen erklären der Demokratie den Krieg

Bagdad

Wahlen im Ausnahmezustand wollen gut vorbereitet sein. Das Material für die erste landesweite Abstimmung im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins ist schon verteilt: 90000 Plexiglas-Urnen aus Kanada, 48 Millionen Wahlzettel in Zartrosa, Türkis und Hellblau aus der Schweiz, 150000 Rollen Klebeband, eine Million Kerzen für die täglichen Stromausfälle, 90000 Tintentöpfchen für die obligatorischen Fingerabdrücke. Hinzu kommen Schreibgeräte, Funktelefone, Kopiermaschinen aus Ostasien. Das alles steht nun bereit für die über 14 Millionen Wahlberechtigten, die am kommenden Sonntag ihre Stimmen für eine Nationalversammlung (rosa Wahlzettel), Regionalräte für die 18 Provinzen (hellblau) und das kurdische Autonomieparlament (türkis) abgeben können. Doch werden sie es auch tun? Wählen im Irak erfordert einigen Mut.

Anzeige

Alla Sekki hat sich den Wahlschein für alle Fälle abgeholt. Doch wählen will er nicht. »Die Aufständischen haben gedroht, Wahllokale zu bombardieren und Wähler zu ermorden«, sagt der 46jährige Professor an der Bagdader Hochschule für Landwirtschaft und Veterinärmedizin. Es sei ein Video von Terroristen im Internet aufgetaucht, auf dem ein Sprecher verkünde: »Wir erklären dem teuflischen Prinzip der Demokratie und allen, die diesem folgen, den Kampf.« In Sekkis Wohnort, dem Bagdader Stadtteil Adamea, tobt dieser Kampf bereits. Seit Monaten gibt es Gefechte zwischen sunnitischen Aufständischen und irakischen Sicherheitskräften. Wahlhelfer wurden erschossen, Kinder von Kandidaten entführt, potenzielle Wahllokale in die Luft gejagt. Sekki, ein irakischer Kurde, wohnt in einem klassischen arabischen Sunnitenviertel. Es war in Adamea, wo Saddam Hussein seine Anhänger um sich scharte und das letzte Mal vor seinem Sturz im irakischen Fernsehen auftrat. Die Einwohner gehörten damals zur Elite des Landes. Sie waren Mitglieder der Baath-Partei, Geschäftsleute, hochrangige Beamte, Lehrer. Jetzt sind sie nichts mehr, arbeitslos oder Gelegenheitsarbeiter. Professor Sekki hat das Glück, ein Ausnahmefall zu sein. Doch bei der Wahl schließt er sich der Mehrheit an.

Mohammed Abdulrahman teilt die Angst, als »Wahlwilliger« gebrandmarkt zu werden. Auch er wird nicht wählen gehen. Doch hat der 42-jährige Ingenieur noch einen weiteren Grund: »Von denen, die da kandidieren, kenne ich keinen.« Auf dem DIN-A3-Wahlzettel für die Nationalversammlung stehen 111 Parteien, Einzelkandidaten und Wahlallianzen, dazu kommen die Regionalkandidaten. Mohammed hat nicht einen einzigen Politiker je zu Gesicht bekommen, außer im staatlichen Fernsehen. Auf dieses haben vor allem die Regierung und Premier Ijad Allawi direkten Zugriff. Kandidaten oppositioneller Gruppen hatten das Nachsehen. Doch auf öffentlichen Straßen und Plätzen mit den Menschen zu reden, Kundgebungen oder Podiumsdiskussionen abzuhalten oder einfach nur Werbezettel in eigener Sache zu verteilen ist mitten im Krieg nicht möglich. Stattdessen können reiche Kandidaten die alten Stammesstrukturen des Iraks nutzen. Überzeugen sie die Stammesfürsten, weist der seinen Anhang an, für den spendablen Kandidaten zu stimmen.

Farkat Lotfi wird trotzdem wählen. Die Physikerin arbeitet im Labor eines Krankenhauses im Stadtteil Jarmuk, im Westen Bagdads. Ihr Vater war ein hoch dotierter Armeeangehöriger und Vizeminister des letzten irakischen Königs. Wird sie der Bewegung für die konstitutionelle Monarchie mit Prinz Sherif Ali bin al-Hussein ihre Stimme geben? »Nein«, sagt die 48jährige Irakerin, »ich wähle Ijad Allawi.« Warum? »Weil ich – wie er – Baath-Partei-Mitglied war.« Die meisten im Krankenhaus wollen für den Premier stimmen, weiß Farkat – »er kennt alle Tricks«.

Das gefällt manchen Schiiten im Krankenhaus weitaus weniger. Die meisten von ihnen wollen ihr Kreuzchen bei der Schiiten-Allianz machen, dem Zusammenschluss von 23 überwiegend schiitischen Parteien und Gruppierungen. Dieser Block, obgleich weit unten auf der Wahlliste, genießt die indirekte Unterstützung des hoch angesehenen Großajatollahs Ali al-Sistani, der grauen Eminenz des schiitischen Iraks. Da die Schiiten etwa 60 Prozent der 26 Millionen Iraker ausmachen und ihre Parteien durch Geschlossenheit und Stärke die Wähler mobilisieren, dürfte Liste 169 am kommenden Sonntag ein hervorragendes Ergebnis erreichen. Die Schiiten wollen sich die Wahl nicht zerbomben lassen, sagt ein schiitischer Kollege von Farkat: »Der sunnitische Aufstand zermürbt uns alle.«

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Irak | Saddam Hussein | Krankenhaus | Bagdad
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service