weltwirtschaft: spezial wachstum Reinheit des Geistes
Wie gebildete Inder den Weltmarkt erobern
Als Bundeskanzler Schröder auf der Cebit 2000 den Import von indischen Software-Experten empfahl, erfuhr eine breite Öffentlichkeit en passant, dass fern der Heimat Konkurrenz heranwächst: ein Bildungsbürgertum, rekrutiert aus Angehörigen der oberen Kasten. Für sie sind geistige Tätigkeiten besonders verlockend, weil sie frei von ritueller Unreinheit sind.
Heute wird Indien oft in einem Zuge mit China genannt. Im Wahlkampf der USA wurde der »Export von amerikanischen Arbeitsplätzen« zum Thema. Indiens Exporte liegen zwar noch weit hinter denen Chinas; auch bei Dienstleistungen ist das Land noch Nettoimporteur. Gleichwohl werden die indischen Konkurrenten als besonders lästig empfunden, weil sie auch die Jobs gut bezahlter Angestellter bedrohen.
Tatsächlich ist nur ein Teil der auf den Weltmarkt drängenden Inder besonders qualifiziert. Bei den Hunderttausenden, die in Call-Centern arbeiten, sind kaum Spezialkenntnisse erforderlich – sie müssen vor allem die englische Sprache beherrschen. Ihr Vorteil: Sie sind billiger als ihre amerikanischen Arbeitsplatzkonkurrenten.
Das indische Erziehungssystem stammt in seinen Grundzügen aus der Kolonialzeit. Die koloniale Bildungspolitik war vor allem auf das Heranziehen der mittleren und unteren Verwaltungsbürokratie fokussiert. Die Übernahme kompletter technischer Systeme und schlüsselfertiger Anlagen machte hoch qualifizierte Fachleute zunächst entbehrlich.
Längst aber hat Indien damit begonnen, eine eigene Grundstoffindustrie aufzubauen; auch in der Rüstungsindustrie wurde eine beträchtliche Eigenentwicklung betrieben. Angetrieben hat beides der Umstand, dass die westlichen Geberländer die Rüstungs- und Grundstoffindustrie nur wenig förderten. Mittlerweile hat die geänderte Politik dazu geführt, dass die Wertschätzung technischer und naturwissenschaftlicher Berufe gestiegen ist – auch bei der Auswahl von Heiratskandidaten.
Bei Telefonisten und Software-Spezialisten wird es deshalb nicht bleiben. Schon zeichnen sich neue Tätigkeiten ab, die nach Indien verlagert werden: in der Pharmakologie, der Medizin, der Rechtsberatung, der Rechnungsführung und der Steuerberatung. Indien bietet sich nicht nur als back office der Welt an, sondern drängt auch in der medizinischen, naturwissenschaftlichen und technischen Forschung nach vorn. Das Land nimmt in Anspruch, den Atomkreislauf zu beherrschen, verfügt über Nuklearwaffen und Trägersysteme und schießt Satelliten ins Weltall.
Das für Indien oft und gern benutzte Wort »Bildungselite« weist darauf hin, dass es in Indien weniger eine breit angelegte allgemeine Volksbildung war, die hoch qualifizierte Spezialisten hervorbrachte, als vielmehr eine Staatsführung, die sich im Zuge der selbst gewählten Abkopplung vom Weltmarkt ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs auf Elitehochschulen wie den Indian Institutes of Technology (IITs) heranzog. Weil diese Experten im finanziell klammen Indien oft keine Anstellung fanden, nutzten sie Verwandte in den USA als Brückenköpfe und wanderten aus. Die Existenz des aufnahmefähigen amerikanischen Marktes war mithin Voraussetzung für das indische Wunder. Es waren jene Inder, die in den Vereinigten Staaten Karriere gemacht hatten, die dafür sorgten, dass erste, einfache Computerarbeiten ins Mutterland Indien verlagert wurden.
Heute gibt es »zwei Indien«, getrennt durch einen digitalen Graben: das gebildete und das ungebildete Indien. Nach wie vor kann kaum mehr als jeder zweite Inder lesen und schreiben. Tausende von Dörfern haben keine Schule, viele Schulen kein Gebäude und kein Mobiliar. Obendrein zwingt die verbreitete Armut viele Kinder, zum Familieneinkommen beizusteuern; ihnen fehlt deshalb schlicht die Zeit zum Schulbesuch.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



