Deutsche IllusionenSeite 8/8
Dahrendorf: Die einfache Antwort ist: Ja, sie haben abgedankt, aus Gründen, die im Wesentlichen, wenn man es rein deskriptiv fasst, damit zusammenhängen, dass die wissenschaftliche Welt eine Eigenwelt geworden ist. Sie orientiert sich nicht sehr an dem, was an Fragestellungen in sie eingeht, geschweige denn an dem, was an Wirkung aus ihr hervorgehen kann. Aber parallel zu den Sozialwissenschaften sind auch Think Tanks enstanden.
ZEIT: Und das Wissenschaftszentrum sehen Sie als Think Tank?
Dahrendorf: Auch. In Deutschland ist es ein bisschen schwierig geworden, weil in den Think Tanks die Ambitionen der Beteiligten merkwürdigerweise oft eher akademisch als öffentlich sind. Entweder hat man gleichzeitig eine Professur oder will irgendwann eine Professur bekommen und nichts tun, was es mit den akademisch Etablierten verderben würde. Die Londoner Think Tanks, die für Blair sehr wichtig waren, werden zum Teil von 25-Jährigen geführt. Auch sie sagen zum Teil sehr absurde Dinge. Nichtsdestoweniger gibt es einen beträchtlichen Einfluss auf die politische Debatte.
ZEIT: Das setzt den Mut zur Parteilichkeit voraus.
Dahrendorf: Ja, natürlich. Aber das wiederum würde eine andere Art von Unabhängigkeit verlangen. Deutschland ist doch noch ein Beamtenland. Diese Unabhängigkeit bringen die meisten Intellektuellen einfach nicht auf.
Das Gespräch führten Gunter Hofmann und Jan Ross
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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