DIE ZEIT: Herr de Soto, angeblich braucht ein Entwicklungsland nur drei Dinge, um voranzukommen: freie Märkte, freien Handel und Investitionen aus dem Ausland. Die meisten Länder Lateinamerikas folgen diesem Rezept – und kommen dennoch nicht vom Fleck. Warum?

Hernando de Soto: Weil zum Fortschritt noch etwas anderes gehört: Rechtssicherheit. Die meisten Menschen Lateinamerikas haben sie nicht.

ZEIT: Es gibt doch Gesetze.

De Soto: Und trotzdem haben die Menschen kaum eine Möglichkeit, ihr Eigentum irgendwo geltend zu machen. Freier Handel funktioniert nur, wenn es Dokumente gibt und rechtsgültige Unterschriften, wenn man sich ausweisen kann und eine Adresse hat. Auch internationale Investitionen sind ohne klare Eigentumsrechte undenkbar. Viele bei uns haben ein kleines Geschäft, das nirgendwo eingetragen ist, sie stellen ihre Produkte illegal her oder handeln Waren auf dem Schwarzmarkt. Wie sollen diese Unternehmer denn Investoren gewinnen? Sie können ja keine offiziellen Firmenanteile ausgeben, keine Aktien, nichts.

ZEIT: Sie behaupten also, die wahre Ursache für die wirtschaftliche Misere Lateinamerikas ist nicht das rasante Bevölkerungswachstum, auch nicht die Verelendung der Städte, sondern das Fehlen von Eigentumsrechten? Das klingt ziemlich einseitig.

De Soto: Ist es aber nicht. In einem unserer ersten Experimente haben mein Team und ich ganz legal versucht, eine Schneiderei in Lima zu eröffnen. Es dauerte 289 Tage. Obwohl wir nur eine Näherin beschäftigen wollten, kostete uns die Eintragung der Firma 1231 Dollar, das ist das 31fache des monatlichen Mindestlohns. Wenn Sie ein Haus bauen wollen, dauert das offizielle Genehmigungsverfahren mehr als sechs Jahre, und sie müssen dafür 52 Regierungsstellen abklappern. Um überhaupt eine Eigentumsurkunde für das Stück Land zu bekommen, auf dem Sie bauen wollen, müssen Sie 728-mal zu einer Behörde gehen. Niemand macht das.

ZEIT: Deshalb flüchten die Menschen in die Schattenwirtschaft?