Irak Demokratie hinter PanzersperrenSeite 3/3
Das nun mag auf den selbst ernannten Befreier befremdlich wirken. Doch man erinnere sich an die ersten Tage nach dem Sturz Saddam Husseins. Damals hatten Plünderer unter den Augen der US-Armee tagelang freie Hand. In Bagdad bemerkte man bitter, dass es von allen öffentlichen Gebäuden nur eines gab, in dem nicht einmal eine Fensterscheibe zu Bruch gegangen war: das Ölministerium. Zufall kann das nicht sein, dachten manche damals. Sollte die stärkste Macht der Welt wirklich außerstande sein, die abgerissenen Plünderer aus den Bagdader Vorstädten zu stoppen?
So wuchsen die Fragen. Was als Verdacht einiger weniger begann, wurde langsam zur Gewissheit vieler. Nahrung haben Verschwörungstheoretiker genügend bekommen. Als im Juni 2003 von der US-Zivilverwaltung die Übergangsverwaltung gebildet wurde, teilte man die Sitze den Schiiten, den Sunniten, den Kurden und den Turkmenen zu. Wo, fragten viele, sind die Araber? Warum wurden nur sie nach religiösen Kriterien aufgeteilt? Es gibt da beispielsweise auch schiitische Kurden. Und so nährten sich die Zweifel. Wie war das mit Falludscha? Waren die irakischen Soldaten, die der US-Armee bei der Eroberung beistanden, in ihrer großen Mehrheit nicht Schiiten und Kurden? Und in Mossul? Bei der Niederschlagung des Aufstandes in dieser multinationalen Stadt taten sich vor allem die kurdischen Peschmerga hervor, in der Uniform der neuen irakischen Armee.
Während Washington also Siege vermeldet und mitunter hinter vorgehaltener Hand Fehler eingesteht, erkennen viele Iraker in alledem den Willen zur systematischen Zerschlagung ihres Staates – und die Wahlen als ein Instrument zu diesem Zwecke. Freilich, man muss nicht dieser Interpretation folgen. Die Aufständischen jedenfalls stellen die Verhältnisse auf den Kopf. Opposition gegen die Wahlen erscheint als patriotischer Akt, Wählen als Verrat an der muslimischen Nation Irak.
Gleichwohl werden viele Iraker an die Urnen gehen, so gut sie es eben können, misstrauisch, bangend, um das eigene Leben fürchtend. Der US-Präsident wird eine propagandistische Salve abfeuern, und die Iraker werden skeptisch abwarten, ob sich für sie etwas ändert, ob weniger von ihnen ums Leben kommen, ob sie mehr als ein paar Stunden am Tag Strom haben werden, ob sie ihre Kinder gefahrlos in die Schule schicken können. Sie werden vor allem aber darauf achten, ob sie als Iraker oder aber als Sunniten, Schiiten, Kurden, Turkmenen behandelt werden. Nur das, das wissen sie, schützt vor Bürgerkrieg und Zerfall.
Wahlen im Irak: Fahrplan zur Freiheit
Zur Wahl der Nationalversammlung am 30. Januar bewerben sich 111 Parteien und Kandidaten. Die wichtigs- ten Listen sind: die schiitische »Vereinigte Irakische Koalition«, die Großajatollah al-Sistani nahe steht; die »Irakische Liste« von Premier Allawi, der ebenfalls Schiit ist; das sunnitische Wahlbündnis »Iraker« von Präsident al-Ghawar; die »Allianz Unabhängiger Demokraten« des proamerikanischen Sunniten und Ex-Außenministers Adnan Patschatschi; und die »Kurdistan-Allianz« der einst zerstrittenen kurdischen Parteien KDP, PUK und ihrer Verbündeten.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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