Kriminalroman Zwei Millionen Dollar für ein Kind
Auch die literarischen Verbrechen unterliegen Moden. Noch kaum bemerkt vollzieht sich ein Paradigmenwechsel im zeitgenössischen Kriminalroman. Der Serienkiller, der mit den sensationellen Erfolgen von Thomas Harris’ Roter Drache (1981)und Schweigen der Lämmer (1988) im zeitgenössischen Bewusstsein zur Inkarnation des modernen, diabolischen Verbrechers geworden ist, wird von einem neuen Teufel in Menschengestalt ersetzt: dem Kinderschänder und Kindesentführer. Damit reagiert der Kriminalroman zeitsensibel auf spektakuläre Fälle wie den des Belgiers Dutroux. Zugleich folgt er aber auch einer Akzentverlagerung der öffentlichen Diskurse in den westlichen Gesellschaften: Nicht mehr die Psyche des Täters und die damit verbundenen Fragen nach Resozialisation und sozialer Prävention stehen im Vordergrund, sondern das Opfer. In den USA biespielsweise ist das vermeintliche Interesse der Verbrechensopfer an Vergeltung längst zum Standardargument für drastische Steigerungen des Strafmaßes bis hin zur Wiedereinführung der Todesstrafe geworden.
Die Leiden des Opfers einer Kindesentführung stehen im Zentrum eines Krimis, der in den USA durch einen promimenten Leser Furore machte. Das erste Foto, das von Bill Clinton nach seiner Herzoperation im September 2004 veröffentlicht wurde, zeigt den Rekonvaleszenten mit Harlan Cobens Thriller No Second Chance unter dem Arm. Ob es die Anspielung im Titel Keine zweite Chance war, die den krimiliebenden Expräsidenten anregte, der Auftritt einer nicht unwichtigen Person namens Dina Levinsky oder einfach nur der Thrill – Coben traf ins Schwarze, als er scherzte, die Lektüre sei ein guter Test für Clintons neues Herz.
Denn pulserhöhende Spannung liefert er von der ersten Zeile an: »Als die erste Kugel in meine Brust einschlug, dachte ich an meine Tochter.« Marc Seidman übersteht die lebensgefährliche Schussverletzung, aber seine Frau liegt tot im Flur des Vorstadthauses. Tochter Tara, zweieinhalb, ist entführt. Zwei Millionen Dollar kassieren die Kidnapper, doch das Kind geben sie nicht frei: Gegen ihre Anweisung hat Marc die Polizei eingeschaltet. 18 Monate später bekommt er wider Erwarten eine zweite Chance. Die Entführer präsentieren neue Lebenszeichen und Forderungen. Wieder scheitert der Austausch, und Marc beginnt zu kämpfen. Zeitweilig selbst von der Polizei verdächtigt, zermürbt von den sadistischen Spielen eines dämonischen Gangsterpärchens, sieht Marc sich von Verschwörungen umgeben, auch die vertrautesten Personen geraten ins Visier seines Misstrauens. Das entführte Kind dient in Cobens atemberaubendem Thriller als der mechanische Hase, dem der väterliche Spürhund nachhetzt. Sein schier endloses Leid rechtfertigt nach langer Jagd das Massaker an den Entführern.
Eine herzergreifende Gegengeschichte zu Cobens technisch-kalt gelungener Spannungsschrauberei ist Norman Greens Roman Total illegal. Eigentlich muss der Dieb Manny »Mo« Williams nur das Geld in Sicherheit schaffen, das er mit seinem paranoiden Kumpel Rosey russischen Mafiosi abgenommen hat. Schon auf dem Absprung nach Norden, beschließt er, noch seinen kleinen Sohn aus der Pflegefamilie zu befreien, in die ihn die staatliche Fürsorge eingewiesen hat. Gejagt von Polizei, Rosey und Russen flüchten Vater und Sohn aus dem vertrauten Dschungel New Yorks in die unvertraute Wildnis Maines, wo sie bei liebenswerten Hinterwäldlern Unterschlupf finden. Bei Coben wird die Intaktheit der amerikanischen Mittelstandsfamilie durch die Wiederbeschaffung des gestohlenen Gutes Kind wiederhergestellt; bei Green üben Vater und Sohn die Kunst der Freundschaft, sich auf Augenhöhe zu vertrauen. Auch dies ist eine durch und durch amerikanische Geschichte. Die beiden Stadtflüchtlinge lernen, mother nature zu lieben – und sie bei der Vernichtung ihrer Feinde einzusetzen: Im Showdown verschluckt ein gewaltiger Gezeitenstrudel in der Passamaquoddy Bay an der Grenze zu Kanada den letzten Bösewicht. Norman Green gilt es hierzulande erst zu entdecken. Mit sprachsensiblem Humor und skeptischem Optimismus ist er ein Seelenverwandter Walter Mosleys, der ebenfalls in seinen Kriminalromanen davon erzählt, wie man in einer bösartigen Welt ein gutes Leben führen kann. Tobias Gohlis
Keine zweite ChanceAus dem Englischen von Gunnar KwisinskiHarlan CobenBuchGoldmann Taschenbuch2004München8,95448Total illegalAus dem Englischen von Anke Caroline BurgerNorman GreenBuchzebu Verlag2004Frankfurt a. M.14,80363- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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