Jüngst, bei der Eröffnung der gigantischen Autobahnbrücke, die Norman Foster in der Nähe des französischen Ortes Millau gebaut hat, war im Fernsehen noch einmal die Einfügung der letzten zwei Teilstücke zu sehen, die den Weg über das gewundene tiefe Tal erst freigemacht hatten; nicht anders sind die zwei voluminösen Bände zu bewerten, die Hans-Joachim Heere und Ulrich Joost zum Abschluss der ebenso grandiosen wie tüfteligen Edition des Lichtenberg-Briefwechsels vorgelegt haben. Seit mehr als zehn Jahren standen mit den Textbänden I und IV die Brückenpfeiler und der Großteil der Trasse bereit; aber es fehlte das letzte Stück, der eigentliche Brückenschlag, die freie Fahrt im großen germanistischen Unternehmen: es fehlte das Register, das die Korrespondenz mit ihren mehr als dreitausend Zeugnissen erst wirklich erschloss, lesbar und benutzbar machte.

Diese zwei Bände von je tausend Seiten, mit denen der Verlag C. H. Beck der Branche und uns allen beweist, dass elegante, luxuriöse, typografisch bestechende Buchkultur nicht von gestern ist, müssen vor allem gerühmt werden als ein Dokument philologischer Sisyphusarbeit und wissenschaftlichen Engagements. Die Edition, in den frühen achtziger Jahren, zu finanzierungsfreundlicher Zeit, begonnen, erzählt nicht nur vom Alltag Georg Christoph Lichtenbergs und dem seiner Korrespondenten, sondern auch von der Misere einer Wissenschaft, die zunehmend in die Klemme der Sachzwänge, Personalnöte, des Bibliotheksabbaus gerät.

Was da nun als editorische Meisterleistung vor uns liegt, hat eine Kehrseite, von der der Herausgeber Ulrich Joost in seinem Vorwort mit temperamentvoller Bitterkeit berichtet: Da waren nicht wohlbestallte Germanisten allein am Werk, sondern viele freie Enthusiasten, Mitarbeiter, die mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Halbtagsstellen der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder einfach nur durch ihre Lichtenberg-Leidenschaft bei der Stange gehalten werden konnten. Die Rede ist also von einem Unternehmen, das nur dank einer kleinen Schar Besessener, gewissermaßen zum Hungerlohn, weitergeführt und zu Ende gebracht werden konnte. Von Mäzenen ist keine Rede? Wer sponsert auch schon ein Register.

Aber was heißt hier Register? Allein der zweite Band, das Sachregister, ist eine Enzyklopädie für sich. Da wird ein Kompendium des Wissens der damaligen Zeit geboten, ein Blick in die Experimentierkabinette, auch in die Irrwege, in denen sich die Physik, und Lichtenberg mit ihr, gerade im späten 18. Jahrhundert verlief.

Doch das Schönste sind die wenigen Briefe Lichtenbergs, die die Herausgeber für den Beschluss ihrer Ausgabe neu aufgestöbert haben; auch sie Brückenschläge der besonderen Art, weil sie vorführen, wie das besondere Genie des großen Aphoristikers in die Zukunft hineinreicht und gewissermaßen alles vorausweiß. Wer hätte gedacht, dass der sinnliche kleine Gelehrte schon mehr als hundert Tage vor dem "Bloomsday" in einem Billett an eine junge Frau schon auf das wollüstige Gestammel der Molly Bloom am Ende des Ulysses einzugehen scheint; ist es nicht, als wenn er auf den Hingebungsjauchzer "and yes I said yes I will Yes" anwortet, indem er schreibt: "Oh no, no no! I would rather lodge my neck in one of the irons at the Cacken over against your house, than stay without my dear No. 5… Dear Molly, pardon me this nonsensical scribbling. Since our naughty grandmother Eve played us that shameful trick, all these follies are as easy to one, as chawing Sillabub."

Wer unter den deutschen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts hätte Joyce auf Englisch so perfekt vorausparodieren können, wenn nicht Lichtenberg mit seinem Sprachwitz und seiner Wortlüsternheit? Auch wenn die gelehrten Anmerkungen ihn jetzt bis ins Letzte entziffert haben, bleibt er uns doch eins der wunderbarsten Rätsel der deutschen Literatur.