Wer lange in Angst und Sorge gelebt hat, der bleibt nicht unbeschädigt. Stefan Herzog sieht angeschlagen aus, als er am Montag vergangener Woche auf der Anklagebank des niederbayerischen Landgerichts Deggendorf Platz nimmt. Bleich, verschwitzt und benommen sitzt er da, ein junger Mann, der manchmal wunderlich und anlasslos vor sich hin lächelt, als gehe es hier im Gerichtssaal gar nicht um ihn und sein Schicksal. Seit zwei Jahren verfolgt der Leitende Oberstaatsanwalt in Deggendorf, Helmut Walch, den Maschinenführer mit der Beschuldigung, er habe seine vier Monate alte Tochter Laura umgebracht. Und genauso lang kämpft Herzog jetzt schon gegen diesen Verdacht, der ihm das Leben zerfrisst. Nun ist er endlich da, der Termin seines Schwurgerichtsprozesses, der die Wahrheit ans Licht bringen soll.

Die ZEIT hatte dem Fall Herzog am 2. Dezember 2004 ein Dossier gewidmet, denn dies ist auch der Fall eines Ermittlungsskandals. Ein Bürger geriet in die Mühlen der Justiz, weil sich weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft Deggendorf, noch die Rechtsmedizin in der Landeshauptstadt München die Mühe machten, die Todesumstände seines Kindes vollständig aufzuklären. Am Abend des 2. Oktober 2002 hatte Herzog sich mit seinem kranken Baby Laura allein im Wohnzimmer aufgehalten. Um Mitternacht war das Kind tot.

Warum es starb, darüber hat es viel Streit gegeben in den letzten zwei Jahren. Oberstaatsanwalt Walch behauptet, der Vater, den das Gequengel des Säuglings beim Fußballgucken gestört habe, habe dem Kind die Atemöffnungen zugehalten oder den Brustkorb zusammengedrückt und es so erstickt. Stefan Herzog beteuert, er sei vor dem Fernseher eingenickt, das schwer erkältete Kind im Arm. Als er eine Stunde später erwacht sei, habe das Kind tot zu seinen Füßen gelegen. Diese Aussage wird er auch im Prozess wiederholen.

Im Institut für Rechtsmedizin München war Lauras Leiche obduziert worden. Der Arzt, Randolph Penning, konnte keine Todesursache finden und auch keine Zeichen von Gewalt. Aus zahllosen flohstichartigen Einblutungen im Gesicht des toten Kindes schloss er aber, Laura müsse erstickt worden sein. Eine feingewebliche Untersuchung der inneren Organe unterblieb indes, obwohl sie bei Kapitaldelikten zum Standard gehört. Nach Pennings Diagnose wurde Herzog in Untersuchungshaft genommen. Erst neun Monate später entließ man ihn wieder aus dem Gefängnis, denn im Institut für Rechtsmedizin der Universität Münster war inzwischen im Auftrag des Landgerichts Deggendorf die versäumte feingewebliche Untersuchung der asservierten Organe nachgeholt worden. In einem eigenen Gutachten stellte der Ordinarius Bernd Brinkmann den durch eine Atemwegs- und Lungenerkrankung ausgelösten plötzlichen Kindstod fest.

Warum lässt sich der Oberstaatsanwalt vertreten?

Das Landgericht Deggendorf sah nun keinen Grund mehr, Stefan Herzog auf die von Oberstaatsanwalt Walch erhobene Anklage hin vor Gericht zu stellen. Doch Walch sah sich durch eine weitere Stellungnahme aus der Rechtsmedizin München beflügelt und blieb der Variante vom gewaltsamen Ersticken treu. Auf seine Beschwerde hin zwang das Oberlandesgericht München die Deggendorfer Schwurgerichtskammer dazu, den Fall doch zu verhandeln. Das ist die lange Vorgeschichte zu dieser kurzen Hauptverhandlung.

Den Angeklagten flankieren seine beiden Anwälte, ein junger Landshuter Pflichtverteidiger und der Hamburger Verteidiger Johann Schwenn, zu dem sich Herzog durchgefragt und der sich seines Falles angenommen hat. Der Leitende Oberstaatsanwalt Walch, der so viele Monate beharrlich auf diesen Prozess hingearbeitet hatte, lässt sich vor Gericht überraschend durch den nachgeordneten Staatsanwalt Josef S. vertreten. Warum? Und obwohl es dem Oberlandesgericht München im Eröffnungsbeschluss dieser Hauptverhandlung gerade auf eine rechtsmedizinische Auseinandersetzung zwischen den zwei Ordinarien aus Münster und München angekommen war, ist von diesen beiden nur Professor Bernd Brinkmann aus Münster erschienen. Der Direktor der Rechtsmedizin München, Wolfgang Eisenmenger, lässt sich ebenfalls entschuldigen. Lauras Obduzent Randolph Penning kommt an seiner statt.

Erste Zeugin ist die 23-jährige Sabrina Herzog, Mutter des toten Kindes. Sie erzählt, wie sie vom gellenden Schrei ihres Mannes erwacht sei: "Schnell, schnell, d’ Laura schnauft nimmer." Dann schildert sie die Nacht, in der die Notärzte stundenlang um das Leben des Kindes rangen und es doch nicht retten konnten. Später habe es geheißen, ihr Mann sei schuld an Lauras Tod, da habe sie bloß gedacht: "Des glaub i ned." Ihre Ehe sei glücklich, ihr Mann habe sie und die beiden Töchter immer geliebt und gut behandelt. Zum Gericht hinauf sagt sie: "S’ war oiwei schee mi’m Stefan."