Bioterror Wenn die Pocken kommen

Biowaffen-Angriff auf Europa: Wie reagiert die Politik? Im Ballsaal eines Luxushotels in Washington spielten Politiker die Rolle von Politikern im Antiterrorkampf. Unser USA-Korrespondent Thomas Kleine-Brockhoff war dabei – er spielte einen Journalisten

Die Nachricht, die für Tausende das Todesurteil bedeuten wird, erreicht die Spitzenpolitiker kurz nach neun. Es ist ein nasser Wintermorgen im Januar 2005, zehn Regierungschefs haben sich eben zum transatlantischen Gipfel in Washington versammelt. Plötzlich Pockenalarm. Die Staatenlenker schauen fern: 51 Fälle, an verschiedenen Orten Europas gleichzeitig diagnostiziert, die meisten in Deutschland. Der Nachrichtensprecher bleibt provozierend ruhig. Nur zwei Drittel der Infizierten, erklärt er, dürften überleben, wahrscheinlich grausam entstellt. Sofort ist klar: ein Anschlag mit Biowaffen. Denn Pocken sind längst ausgerottet. Es dauert nur ein paar Minuten, bis die Bestätigung kommt. Eine Gruppe namens »Der Neue Dschihad« bekennt sich zur Bioattacke. Von »Juden und Kreuzfahrern« ist in der Erklärung die Rede und von »Rache«. Europa, vielleicht der ganze Westen, steht unter Feuer.

Im Nu wird der Gipfel zur Einsatzzentrale. Dramatische Entscheidungen stehen an: Quarantäne? Grenzen schließen? Mit Massenimpfungen beginnen? Impfstoff über die Welt verteilen? Verteidigungsfall ausrufen? Oder gar den Bündnisfall der Nato? Mehr als drei Jahre nach den Anschlägen auf New York und Washington muss sich nun zeigen, ob die Regierenden der Herausforderung des Terrors besser gewachsen sind. Die amerikanische Präsidentin Madeleine Albright eröffnet die Krisensitzung mit der Beschwörung, man werde »hoffentlich gemeinsam handeln« können. Als vertrauensbildende Maßnahme schlägt sie vor: »Wir reden einander mit Vornamen an. Wir sind ja alle Freunde hier am Tisch. Nigel, wollen Sie beginnen?« Das Wort hat der britische Premierminister Sir Nigel Broomfield.

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Eine Simulation, gewiss. Drum ist Albright, einst Außenministerin, ein wenig befördert worden und ebenso Sir Nigel, der bis 1997 Botschafter in Deutschland war. Ansonsten ist alles ganz realistisch. Die Annahmen der Übung stellten Fachleute zusammen, nämlich die Veranstalter von den Universitäten Pittsburgh und Johns Hopkins. Die Spieler, hochrangige Veteranen transatlantischer Politik, kennen sich aus mit Gipfeln und Krisen. Sie sitzen im Ballsaal eines Washingtoner Luxushotels. Scheinwerfer erleuchten den Konferenztisch. Drum herum ist es stockdunkel. Dort sitzen Beobachter und Komparsen.

Das Virus wurde nach München eingeschleppt. Im Briefing erfahren die Hauptakteure, dass drei Deutsche türkischer Herkunft das Virus mit dem Zug nach München transportierten und dort verbreiteten. Auch vom Frankfurter Flughafen werden Infizierte gemeldet, ebenso aus den Niederlanden, aus Schweden und der Türkei. Binnen vier Wochen, rechnet ein Experte vor, dürften 10000 Menschen erkranken. Die Regierungschefs müssten schnell handeln und Gefährdete impfen lassen. Die Impfung wirke sofort, und sogar drei oder vier Tage nach der Infektion könne eine Impfung noch die Überlebenschancen erhöhen. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Sir Nigel beginnt mit einer kleinen Ansprache an die Kollegen. Als sei er im Interview und nicht in einer Krisensitzung, drückt er »Solidarität mit den Opfern« aus. Bundeskanzler Werner Hoyer (der einst im Außenamt Staatsminister war) spricht von der »Solidarität unter Alliierten«. Davon brauche die Bundesrepublik nun »ganz viel«. Frankreichs Präsident Bernard Kouchner (einst Gesundheitsminister und Gründer der »Ärzte ohne Grenzen« trompetet, er wolle »keine Stunde« verlieren. Allerdings verliert er sich selbst in Monologen über die Aids-Gefahr. Alle verhalten sich zunächst, als wollten sie Stereotype bestätigen: Die Amerikanerin ist von direkter Pragmatik, der Engländer entpuppt sich als feinsinniger Aristokrat, der Franzose gibt den Pfauen, der Deutsche den effizienten Macher. Ein jeder hält eine hübsche Ansprache, die Zeit verrinnt, die Krise wächst, Beschlüsse sind nicht in Sicht. Bis schließlich der polnische Premierminister Jerzy Buzek (der für die Simulation seinen alten Job übernimmt) die Kollegen drängt: »Jeder nur eine Minute, bitte!« So lautet die erste Lehre der Übung: Multilateralismus ist verflucht langwierig. Alle Beteiligten sind gleichberechtigt. Wenn die großen Egos großer Staatsleute aufeinander prallen, »schreitet die Realität schneller voran als die Diskussion«, wie Jerzy Buzek sagt. Drum stellt sich die Frage: Ist internationale Zusammenarbeit krisenfähig?

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