Früher haben Europäer oft über den vermeintlich schlechten Ernährungsstil in den Vereinigten Staaten gelacht. Nun sind auch sie zu Junkfood-Anhängern geworden und tragen stattliche Bäuche vor sich her. Bereits die Jüngsten sind zu dick, warnte die International Obesity Task Force im vergangenen Jahr: Jedes vierte Schulkind in der Europäischen Union hat mittlerweile Übergewicht, drei Millionen gelten sogar als krankhaft fettleibig.

Verantwortlich für die Verfettung der Minderjährigen sei vor allem die Werbung, behauptet Markos Kyprianou, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz. In einem Interview mit der Financial Times vergangene Woche stellte er der Lebensmittelindustrie deshalb ein Ultimatum: Innerhalb eines Jahres soll sie auf Werbung verzichten, die sich an Kinder und Jugendliche richtet. Andernfalls werde er sie dazu zwingen.

Die Lebensmittelindustrie wehrt sich gegen Werbebeschränkungen, verspricht stattdessen Aufklärung und appelliert an die Eigenverantwortung der Konsumenten. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verbraucherschutz und anderen Organisationen gründeten die deutschen Unternehmen im Herbst die Plattform Ernährung und Bewegung. Ziele sind mehr Sport und "Verstärkung der Verbraucherinformation über gesunde und ausgewogene Ernährung". So formulierte es Theo Spettmann, Cheflobbyist der deutschen Lebensmittelindustrie im Verband BLL und Vorstandssprecher der Südzucker AG aus Mannheim.

Im Prinzip hat Spettmann Recht – ohne Information kann niemand eigenverantwortliche Entscheidungen treffen. Jetzt hat er die Chance zu beweisen, dass es der Lebensmittelindustrie ernst ist. Er könnte zum Beispiel einen Widerspruch auflösen, der ihre Glaubwürdigkeit stark belastet: Dass sie zwar empfiehlt, von Süßigkeiten nur sehr wenig zu essen – aber gleichzeitig den größten Teil ihrer Werbemillionen für die Süßigkeitenreklame ausgibt (siehe Grafik).