Sachbuch Buch im Gespräch
Eine blitzende Polemik über den Mythos der RAF
Schon beim Rückzug des Hamburger Instituts für Sozialforschung aus dem Projekt der Berliner Mythos RAF- Ausstellung im Sommer 2003 hatte Jan Philipp Reemtsma als Finanzier und Institutsleiter auch die Rolle dessen übernommen, der die Leitlinien einer Korrektur vorgab – ähnlich wie vor Jahren im Fall der Wehrmachtausstellung.
Der pünktlich zur Eröffnung der Berliner Ausstellung erschienene Diskussionsband Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF wird durch Reemtsma selbst eingeleitet und endet mit seinem programmatischen Beitrag Was heißt die Geschichte der RAF verstehen. Der Text konzentriert sich auf die Frage der Attraktivität des Terrorismus als einer modernen Lebensform, die den Ausbau des staatlichen Gewaltmonopols als radikale Antithese begleitet.
In einer blitzenden Polemik nimmt sich Reemtsma die allzu benevolenten Verständnisversuche des Gießener Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter gegenüber den (damaligen!) Selbstexplikationen der RAF-Terroristin Birgit Hogefeld aus der Mitte der neunziger Jahre vor, worin die angeblichen »Ohnmachtserfahrungen« der deutschen Nachkriegsgeneration und die ihr aufgebürdete »Last der Geschichte« im Mittelpunkt standen. Reemtsmas Gegenthese lautet, dass die RAF eine Lebensform bedeutete, »die Machterfahrungen mit sich brachte wie keine andere«. Von Anfang bis Ende habe sich bei der RAF alles um sie selbst gedreht, um ihre »revolutionäre Identität«, die die Bereitschaft zum Tod als letzten Ausweis von Authentizität von vornherein einschloss. Die RAF-Formel vom »Körper als Waffe« entsprach dem Geist der Attentäter vom 11. September. Solche Akte einer totalen Destruktion wirkten durch ihren »Zusammenklang von Selbstentwurf und gelebter Realität« als ultimative und attraktive Antwort auf die Krise des modernen Einzelnen zwischen Selbstverwirklichung und Bedeutungslosigkeit.
Reemtsmas Polemik hat etwas Befreiendes, insofern sie die historisch-moralischen Maßstäbe zurechtrückt und den »Mythos RAF« auf die Frage zuspitzt, wie einer Gruppe gewalttätiger Desperados »die Aura des Rätsels« zuwuchs. »›Es ist unmöglich, daß nichts dahintersteckt‹, sagt sich jeder und sucht nach etwas Verborgenem«, ließ bereits Dostojewskij den Liberalen Werchowenskij in seinem Roman Dämonen räsonieren. Reemtsmas Betrachtung geht denn auch von einer strukturellen Ähnlichkeit terroristischer Gruppenbildungen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert aus, jenseits ihrer konkreten Ideologien und Kontexte.
Die Stärken dieser Betrachtungsweise sind auch ihre Schwächen: die einer latenten Enthistorisierung. Die Anschläge der RAF und die »Vernichtungshaft«-Kampagnen appellierten eben nicht nur an verbalradikale Linke oder besorgte Liberale, sondern rührten an den Kern der Selbstunsicherheit der bundesdeutschen Nachkriegsrepublik. Und die Nichtswürdigkeit des »Dandys« Baader (Karin Wieland) macht die Frage nach den Charakteristika und Formationsprozessen der Gruppe, und insbesondere nach der tragenden Rolle der Frauen darin, allzu einfach. Die Geschichte der RAF war ein integraler Teil des neurotischen deutschen »Familienromans« insgesamt, bis hin zum symbolischen Vatermord an Schleyer. Das entschuldigt nichts, aber erklärt manches.
- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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