Dieser Kleinterrorismus, wie ich ihn nenne, ist nur eine Spiegelung des Großterrorismus, der die Militärdoktrin der Supermächte bestimmt.« Das sagte Otto Schily über die Rote Armee Fraktion, es war 1981. Was er 2003 sagte, als über diese »Spiegelung« eine Ausstellung geplant wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich aber war er gereizt, vermutlich hätte er gern die Ausstellung und mit ihr jede Erinnerung an RAF-Kleinterroristen in einer gut vernagelten Geschichtskiste verschwinden lassen. Fast wäre das sogar passiert, denn auch dem Kanzler war das Vorhaben nicht geheuer, und so wurden der Ausstellung rasch alle Staatsgelder gekappt.

Die Angst der siebziger Jahre war zurückgekehrt, so schien es für einen Augenblick. Bild hetzte wie einst, und für den ehemaligen Bundesanwalt Krüger stand sofort fest, dass in der Ausstellung »nur den Vorstellungen aus dem Kreis der früheren RAF nachgegangen« werden solle. Dabei wusste damals niemand genau, was gezeigt werden sollte: Von Kunst war die Rede, von historischen Dokumenten und davon, dass die Kuratoren untersuchen wollten, was von den »Ideen und Idealen« der RAF übrig ist. Das reichte, eine heftige Debatte zu entzünden – binnen weniger Wochen erschienen mehr als 500 Artikel.

Wie überzogen die Wortschlacht war, zeigt sich heute. Denn in der – nun vorwiegend privat finanzierten – Ausstellung, die am Samstag in den Berliner KunstWerken eröffnet wird, ist vom Wesen und Wollen der RAF gar nicht die Rede. Sie will keine ideologiekritische Aufarbeitung sein, sie hat sich eingesponnen in einen Kokon aus Metadiskursen. Statt die Geschichte der RAF zu zeigen, verhandelt sie, wie die Medien den Terror sahen, welches Bild sich die Künstler von den Medienbildern machten und welche Bilder nun in uns von diesen Bildern über die Bilder entstehen. Die Rezeption der Rezeption der Rezeption – das klingt nach einer fürchterlich verschwurbelten Angelegenheit.

Und doch beginnt die Ausstellung mit einer Inszenierung voller Pathos. Die große Halle der KunstWerke, sonst überzogen von der Patina des alten Fabrikbaus, wirkt plötzlich geklärt und rein, mitten drin ein mächtiger Kubus, eine Kaaba, in der die Getöteten gezeigt werden: rund neunzig Menschen, die in den Ideologiekämpfen starben. Der Künstler Hans-Peter Feldmann hat ihre Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften zusammengesucht, hat sie alle auf dasselbe Format gebracht, ungerahmte Andachtsbilder ohne Kommentar, streng in Reihe, nach Todesdatum sortiert. Feldmanns kalter, enzyklopädischer Blick bewertet nicht, unterscheidet nicht. Und so hängen nun die Opfer neben den Mördern. Das mag manchen provozieren, doch der Raum in seiner Erhabenheit dämpft jeden Schock, er verweigert sich der Effekthascherei. Er lebt aus der Einsicht, dass im Tod alle gleich sind, Menschen, fern aller Schlachtfelder.

Dies ist die eine, die stumme Zumutung der Ausstellung. Die andere, die laute, umbraust und umtost das Feldmann-Mausoleum, ein Bilder- und Textesturm, entfacht von den drei Kuratoren Klaus Biesenbach, Ellen Blumenstein und Felix Ensslin. Sie haben 29 Tage aus der RAF-Geschichte ausgewählt und zeigen nun, wie die Medien diese Tage darstellten. Die Wände sind tapeziert mit lauter Zeitungsseiten und Magazinfotos, zwischendrin Bildschirme, auf denen Tagesschau, heute-journal und Aktuelle Kamera laufen. Hier kann sich der Besucher einlesen und einsehen, kann vergleichen und hinterfragen. Sehr rasch allerdings wird er sich übermannt fühlen, erschlagen von der Fülle. Und so soll er sich auch fühlen.