Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall". Das Sprichwort über manische Vorlieben trifft auf die zwei Hauptakteure der mittleren deutschen Dirigentengeneration ganz besonders zu: Was dem Berliner Christian Thielemann die Komponisten Richard Wagner und Hans Pfitzner, bedeutet dem zwei Jahre älteren Hannoveraner Ingo Metzmacher, Jahrgang 1957, Karl Amadeus Hartmann: ästhetische Identifikation und Initiation.

Näher als sie vielleicht voneinander annehmen, sind sich Metzmacher, der dieser Tage sein Buch Keine Angst vor neuen Tönen. Eine Reise in die Welt der Musik der Öffentlichkeit präsentiert, und Thielemann auf eine spezielle wechselseitige Art. Jede Bewegung erzeugt ihre Gegenbewegung – ein klassisches kompositorisches Prinzip. Ist Metzmacher, noch Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und designierter Musikchef der Oper Amsterdam, dessen Karriere vor zwanzig Jahren beim Ensemble Modern begann und dann unter Gielen an der Frankfurter Oper richtig in Schwung kam, auf der Schiene Neue Musik bisher bestens gefahren, so hat Thielemann das Image marktgemäß kultiviert, als großer Konservativer. Die biografisch-ästhetische Distanz zwischen dem Nazianhänger Pfitzner, bis 1934 Leiter der Münchner Akademie der Tonkunst, und dem von München aufs Land in die innere Emigration abgewanderten Karl Amadeus Hartmann könnte nicht größer sein. Dennoch sind sich die beiden Dirigenten auf andere Weise recht nah. Thielemann engagiert sich für die Sinfonik Hans Werner Henzes, so viel Zeitgenossenschaft geht dann doch, und Metzmacher war 1993 der gefeierte Uraufführungsdirigent von Henzes wortlosem Requiem für die Aids-Opfer.

Wenn also Ingo Metzmacher dieser Tage sein Buch in der Deutschen Ensemble Akademie in Frankfurt, dem Sitz des Ensembles Modern und der Deutschen Philharmonie, erstmals offiziell der Öffentlichkeit vorstellt, dann wünscht man sich, gewissermaßen ausgleichend, eine ebenso persönliche Publikation von Thielemann. Biografisch porträtieren ließ der sich vor zwei Jahren schon im Henschel Verlag von der Wagner-inspirierten Publizistin Kläre Warnecke.

Charles Ives und Gustav Mahler sind die Großväter aller Klänge

Metzmacher griff selbst zur Feder. Der Erscheinungszeitpunkt für sein locker-intimes Kompendium über die Musik des 20. Jahrhunderts hätte indes nicht besser gewählt werden können. Just seit Jahresbeginn feiert München, nein, feiert der ganze Freistaat Bayern mit Staatsakt im Herbst und aufeinander abgestimmten Orchesterkonzerten mit allem Pipapo den 100. Geburtstag von Karl Amadeus Hartmann. Dessen Lebenswerk weist ein eher schmales Œuvre auf, fast wichtiger ist Hartmann wegen seiner bis heute existierenden Münchner Konzertreihe musica viva, mit der er unmittelbar nach Kriegsende einen ästhetischen Neubeginn einläutete.

Ingo Metzmacher ist bei den Feierlichkeiten in München mittenmang, arbeitete über Jahre darauf hin. Zweimal am Pult der Münchner Philharmoniker und einmal dem des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wird er Hartmann dirigieren. Dessen Werke sind für Metzmacher der Inbegriff von redlicher Bekenntnismusik schlechthin. Denn, so der Autor: "Jede große Musik ist Bekenntnismusik."

In dem knapp zweihundert Seiten umfassenden Bändchen ist der Beziehung zur Musik und dem Menschen Hartmann selbstredend ein eigenes Kapitel gewidmet. Bei dem Ersteinspieler aller acht Sinfonien, damals noch mit den Bamberger Sinfonikern, und Weltreisenden in Sachen Hartmann wundert es fast schon, dass er sich bei seinem ästhetisch-menschlichen Vorbild auf genau die meist zehn Seiten umfassenden Monografien beschränkt, die auch allen anderen Sternen am persönlichen Komponistenhorizont gewidmet werden. Die Liste liest sich wie ein Who’s who der Musik des 20. Jahrhunderts (freilich außer Pfitzner, dem Anti-Who). Charles Ives und Gustav Mahler sind die Großväter aller Klänge, in der Genealogie gefolgt von Debussy, Messiaen, Schönberg, Varèse, Stockhausen, Nono, eben Hartmann, Strawinsky und Cage.

Geschickt hat Metzmacher den Komponisten zusammenfassende Begriffe übergeordnet, die er essayistisch erläutert. Mit den Kategorien "Zeit", "Farbe", "Natur", "Geräusch", "Stille", "Bekenntnis" und "Spiel" schafft es Metzmacher, dem Leser, ohne dass der es eigentlich merkt, die Musik des letzten Jahrhunderts begreifbar zu machen. Metzmachers Kunst als schreibender Dirigent liegt hier in der unmittelbaren Anbindung der Musik an die persönlich erlebte und reflektierte Musikgeschichte. Die kann auch Familiengeschichte sein. Geschildert werden die Ferienexkursionen mit der ornithologisch interessierten Mutter – "…das Fernglas war ein heiliges Gepäckstück" –, um eine Brücke zu Olivier Messiaens Transkriptionen der Rufe von Steinkauz und Nachtigall zu schlagen. Erste Begegnungen mit lokalen Komponisten prägen das junge Talent ebenso: "Auf dem Schreibtisch in mehreren Lagen Partiturseiten, Rechnungen, Briefe, Probenpläne, wie konnte man sich hier nur zurechtfinden. Ich war erschlagen." Es erschlug ihn dennoch nicht, wie wir wissen. Vielmehr prägten Metzmacher neben Hartmann vor allem Luigi Nono und John Cage. Den dirigentischen Ritterschlag bekam er schließlich mit der Aufführung von Luigi Nonos kompositorischem Vermächtnis Prometeo – Tragedia dell’ascolto (Tragödie des Hörens) bei den Salzburger Festspielen 1993, drei Jahre nach Nonos Tod. "Als er erschien, geschah etwas mit mir. … Wenn er den Raum betrat, veränderte sich alles." So hatte ihn der Venezianer fasziniert. Der Prometeo wurde für Metzmacher eben keine Tragödie des Hörens, sondern ein Triumph des Willens im Leisen. Nono habe ihn auf der Suche nach seiner ganz persönlichen Mission mit dem Prometeo herausgefordert. Als Nono starb, war das "der traurigste Tag" in seinem Leben.