Ältere Leute haben, falls überhaupt, dann oft schiefe Zähne, weil damals die Krankenkasse nicht für den Kieferorthopäden bezahlt hat. Die Kinder von heute dagegen tragen fast alle Spangen. Junge Menschen haben makellose Zähne, Punkt, aus! Im Rahmen des Sozialumbaus werden die Kieferorthopädenzuschüsse zurückgefahren. Folglich wird man in einigen Jahren die Schichtenzugehörigkeit wieder an den Zähnen erkennen, wie damals, zur Geburtszeit von Konrad Adenauer oder Sabine Christiansen.

Die fetten Jahre der Bundesrepublik wird man als Archäologe in zehntausend Jahren an einer Schicht von 30 bis 35 Jahrgängen erkennen, wo alle Schädel kerzengerade Zähne haben. Im Museum zeigen sie dann die Jacketkronen von Stefan Raab. Auf dem Schild steht: "In dieser Kultur wurden kurz vor ihrem Zusammenbruch über den Zähnen häufig leuchtende, hitzefeste und atomkriegsresistente Schmuckkappen getragen, vielleicht ein Kennzeichen der Oberschicht oder der Priesterkaste. Eine sexuell werbende Bedeutung wird ebenfalls vermutet."

Auch Englisch war in den fetten Jahren ein so genanntes Distinktionsmerkmal, es war "in". Man sagte in Deutschland statt "Guten Tag" immer "Yeah, yeah, yeah", statt "Hallo, Gaby" hieß es "Give it to me, baby!". Heute wirkt Englisch, weil es eh jeder kann, alltäglich oder sogar prollig. Man denkt sich bei dem Wort "Browser" nicht mehr, "dieser Typ kann Englisch, das ist bestimmt eine interessante Persönlichkeit", sondern man denkt: "Es scheint hier im weitesten Sinne um Browser zu gehen." Deswegen würde ich als erste Maßnahme einer Bahnreform die "City Night Line" in "Nachtzug" umbenennen. Dies würde den Kunden signalisieren, dass es sich bei der Bahn trotz allem um ein seriöses Produkt handelt und nicht um ein Fit-for-fun-Center oder um eine Bestrafungsmaßnahme von George Bush.

Als wir zum Wintersport gefahren sind, haben wir den Zug genommen. Gegen Zugfahren spricht, dass Fliegen billiger ist und schneller geht, dass Züge oft stundenlang in der norddeutschen Tiefebene stehen bleiben, neuerdings auch, dass sie im Zug die Toiletten absperren und man seine Notdurft in einer Zugtelefonzelle, wo sie aber die Telefone abmontiert haben, in mitgebrachte Plastiktüten hineinverrichten muss. Für den Zug spricht, dass er nicht abstürzt, und Öko. Mir persönlich sind das zu wenige Pro-Argumente.

Wir liefen mit dem Skigepäck zu den reservierten Plätzen und haben gemerkt, dass diese Plätze gar nicht existierten. Es gab an der Stelle statt Sitzplätzen einen Stauraum für Gepäck. Der Schaffner sagte: "Den Stauraum haben sie bei der letzten Bahnreform geschaffen und immer noch nicht im Computer gespeichert." Ich sagte: "Die fetten Jahre sind vorbei." Die Ironie hat der Schaffner aber nicht verstanden.

Zum ersten Mal hat jemand wegen der Kolumne die ZEIT abbestellt, eine Dame aus Karlsruhe. Sie schreibt, ich würde in der Kolumne meine Wohlstandsdepressionen ausleben. Sie habe außerdem den Eindruck, dass ich nur deswegen journalistisch tätig sei, um meine Rechnungen bezahlen zu können. Das ist ihr als Motivation nicht edel genug. Ich habe darüber nachgedacht. Es stimmt zum Teil.