Plötzlich ist vieles anders. Die palästinensischen Kassam-Raketen terrorisieren die Einwohner des israelischen Städtchens Sderot nicht mehr. Bis vor kurzem noch hatte die Hamas damit täglich aus dem Gazastreifen gefeuert. Um das interne Chaos zu stoppen, erließ die Autonomiebehörde vergangene Woche ein Verbot für „nichterlaubte“ Waffen. Solche Verbote hatte es in der Vergangenheit zwar schon öfters gegeben, sie waren aber nicht durchgesetzt worden. Sollte es diesmal klappen? Kann der neue Präsident schaffen, was sein Vorgänger Arafat nicht wollte oder nicht konnte?

Nur wenige Wochen nach seiner Wahl versucht Mahmud Abbas jedenfalls zu zeigen, wer der Herr im Hause ist. Wer hätte gedacht, dass er Bulldozer losschicken würde, um nachts Dutzende von illegalen Konstruktionen an der Küste von Gaza niederwalzen zu lassen? Dass ihm die Anwohner dafür applaudieren, dürfte ihn auf seinem Weg zu mehr Recht und Ordnung nur noch weiter ermutigen. Abbas hat auch bereits damit begonnen, die Polizeikräfte zu reformieren. Tausend Männer sollen in den Ruhestand geschickt werden, um jüngere Männer in das Sicherheitsestablishment zu integrieren. Der ehemalige Sicherheitschef Nasser Jussef, bekannt für seine harte Hand gegenüber der Hamas und dem Islamischen Dschihad 1996 in Gaza, soll als künftiger Innenminister die oberste Kontrolle über die Sicherheitskräfte übernehmen. Außerdem machen die Verhandlungen mit den militanten Islamisten über eine „hudna“, einen vorübergehenden Waffenstillstand, Fortschritte.

Die Erfahrung aber lehrt, nicht zu früh in Begeisterung zu verfallen, wenn die Zeichen im Nahen Osten plötzlich auf Optimismus stehen. Denn die relative Ruhe kann schnell ein Ende finden. Der Iran zum Beispiel habe kein Interesse daran, dass sich der israelisch-palästinensische Konflikt beruhigt, glaubt der israelische Sicherheitsexperte Ze´ev Schiff. Denn dadurch würden amerikanische Kräfte freigesetzt, die dann in Richtung Teheran blicken könnten. Der Iran werde deshalb versuchen, mit Hilfe seiner Schützlinge von der Hisbollah Anschläge gegen israelische Ziele zu verüben.

Die andere Frage ist eine interne. Abbas hat seine Polizisten losgeschickt, damit sie die Kassam-Raketen stoppen. Madschgen Saeb el-Adsches ist verantwortlich für die Truppen, die zu diesem Zweck im Norden des Gazastreifens stationiert wurden. Er verweist auf das Dilemma, mit dem seine Leute konfrontiert sind: „Unsere Polizisten verstehen zwar, dass diese Raketen nur zu israelischen Militäroperationen und somit zu unserem Ruin beitragen, aber es ist für sie deshalb nicht leicht, das Feuer auf ihre Brüder zu eröffnen.“ Seine Männer hätten bisher Verbrecher bekämpft und sie seien sich alles andere als einig darüber, ob jene, die heute die Kassam-Raketen auf Israel abfeuern, wirklich Kriminelle sind. Ihre Aufgabe besteht darin, die militanten Hamas-Männer in den Hinterhalt zu locken, der Schießbefehl aber gilt nur für den Fall, dass sie selber angegriffen werden. „Unsere Männer werden kämpfen, wenn sie dazu den Befehl erhalten, aber sie leben auch hier und sind möglicherweise nicht genug motiviert, alle Extremisten zu einer Waffenruhe zu zwingen", sagt el-Adsches.

Machmud Abbas will einen Bürgerkrieg um jeden Preis vermeiden. Was aber, wenn sich seine Gegner von der Hamas nicht dauerhaft zähmen lassen? Wenn sie darauf abzielen, den neuen Präsidenten als israelischen Kollaborateur abzustempeln? Dann wird wohl erst der richtige Test für ihn beginnen. Bisher aber hat Abbas jedenfalls schon mehr geschafft als ihm viele Palästinenser und Israelis zugetraut hätten.