DIE ZEIT: Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gilt noch immer das Wort von der Vergangenheit, die nicht vergehen will. Auch für die Juden? Und warum?

MAXIM BILLER: Es gibt noch Juden, die das erlebt haben. Wie soll es für die vergehen? Es gibt Kinder von Juden, die es erlebt haben, die nicht sagen können, das ist nicht mehr.

ZEIT: Warum nicht?

BILLER: Weil die oft damit konfrontiert wurden, durch die psychische Deformation der Eltern. Ich kenne einen Vater, der nach dem Krieg so depressiv wurde, dass er 40 Jahre auf einem Sofa verbrachte. Oder die Kinder, die von ihren Eltern hörten: „Du kannst nicht mit Deutschen spielen, sie haben versucht, uns umzubringen.“ Oder wenn Du hörst: „Du darfst keinen Deutschen heiraten.“

ZEIT: Niemand kann aus dem Schatten heraustreten?

ADRIANA ALTARAS: Das klingt so negativ. Es ist ein Plus, wenn man Geschichte hat. Sie ist ein Teil von mir, auch ein guter Teil. Und ich schätze Menschen viel mehr, deren Vergangenheit ich spüre. Leute, die ihre Geschichte ausblenden, sind für mich hohl und leer.

BILLER: Für mich ist die Geschichte nie vergangen, denn ich bin ein Teil von ihr. Ich habe aber kein sentimentales Verhältnis zum Holocaust oder zu Antisemiten oder Philosemiten.. Trotzdem werde ich ständig von den anderen als jemand gesehen, der nicht nur Jude ist, sondern ...